Reisebilder - Claudia, Simon, Eric

Im Süden der USA unterwegs

New Orleans

New Orleans ist so, wie man sich diese Stadt vorstellt: ein buntes Gewusel voller Musik. Die scheppert und dudelt aus sämtlichen Kneipen, die anders als in vielen anderen Teilen der USA (meistens ist um 21 h Schluss) scheinbar 24 h am Tag geöffnet haben. Man bekommt morgens um 6 h in der Innenstadt ein Bier genauso wie ein Frühstück.

Abends kann man Jazz, Rock, Blues, Country, Disko hören, ohne irgendwo Eintritt zahlen zu müssen. Das haben wir genossen. Und tagsüber schallt es aus den Kirchen oder eine marching band zieht mit einem Hochzeitspaar durch die Straßen.

Die gesamte historische Innenstadt, und hier ist sie wirklich historisch, oder sie macht die Fassaden so, mit Gebäuden aus den Zeiten, als New Orleans noch zu Spanien oder Frankreich gehörte, hat sich komplett dem Tourismus verschrieben. Hotels, Kneipen, Bars, Souvenirläden, Antiquitäten und Galerien mit zweifelhaften Werken. Dazwischen einige imposante Hochhäuser aus unterschiedlichen Epochen. Und natürlich der Mississippi.

Man kann für wenig Geld – eine Tageskarte kostet 3 $ – mit historischen Straßenbahnen alle wichtigen Ziele erreichen.

Auf diese Weise gelangten wir auch in das „garden district“, in dem man zahlreiche schöne Gärten mit Holzhäusern unterschiedlicher Größe ansehen kann. Die offenbaren unterschiedlichste wirtschaftliche Verhältnisse, sind oft vernagelt, weil nach dem letzten Wirbelsturm einfach aufgegeben.

Das ist Zeichen einer typisch amerikanischen Eigenschaft: einem beeindruckenden Pragmatismus und einer Lust am radikalen Neuanfang. Wo man in Deutschland verzweifelt versucht, das Vaterhaus irgendwie wieder zurechtzubasteln, zieht man in den USA einfach in die nächste Stadt und versucht einen Neustart, womit auch immer. Wer kein Geld hat, ein neues Haus zu kaufen oder bauen zu lassen, schließt einfach einen Leasingvertrag mit einer beeindruckenden Laufzeit von 30 Jahren ab. Das Leben auf Pump ist normal, egal ob Bezahlung per Kreditkarte für kleinste Einkäufe, das neue Auto oder das Hochschulstudium. Auch dies ein Zeichen einer völlig anderen Risikoauffassung im Verhältnis zu Deutschland.

Was uns von Anfang an auffällt: die Amerikaner sind extrem aufgeschlossen. Man wird fortwährend angesprochen, durchaus auch ohne geschäftssinnige Absicht. Allerings ebbt das Gespräch nach dem Woher und Wohin auch recht schnell ab. Tiefsinnige Diskussionen haben wir eigentlich nie führen können. Ernüchternde Blicke hinter die Kulissen des so mit Freiheitsattributen versehenen, vermeintlich brüokratiefreien Landes haben uns eher die ausgewanderten Deutschen geben können, denen wir ab und zu begegneten.

Make it big

Wenn die Amerikaner etwas anfangen, dann immer mit ordentlich Wums. Die kleinste Dorfstraße wird vierspurig ausgebaut, und es sind dann wirklich Spuren. Vor jedem noch so winzigen Laden gibt es massig Parkplätze, was kein Problem ist, denn die Grundstücke werden eher großzügig bemessen. Das führt natürlich zu einer ungeheuren Zersiedelung des Landes. Andererseits scheint dies zumindest im Süden kein Problem, denn die Distanz zwischen den Orten ist selten kleiner als 50 km.

Wenn etwas allerdings das Gegenteil von groß ist, dann sind es Hotelzimmer und Wohnungen in New York.

Einerseits wird betoniert, was das Zeug hält, andererseits sind die Häuser, auch wenn sie ausnahmsweise mal über zwei Etagen reichen, einfache Holzständerbauten, die mit Leichtbauwänden, Spanplatten und Dämmwolle errichtet werden. Die Dekoration der Fassaden suggeriert dann verschiedene Putzarten. Mit Säulen, Stuck und Zitaten aus allen möglichen Architekturstilen wird nicht gespart.

Die Portionen auf den Tellern bzw. den allgegenwärtigen Plastiksurrogaten sind so üppig wie die Körperfülle vieler Amerikaner auch.

Das Sklavenland

Von New Orleans war unser erstes Reiseziel eine typische Grundbesitzervilla auf einer alten Zuckerrohrplantage. Old Oak Tree wurde um 1830 angelegt, damals in Sichtweite des Mississippi, welcher sich heute hinter einem großen Deich verbirgt.

Die gesamte Anlage steht unter Denkmalschutz. Die letzte Besitzerin hat bis in die siebziger Jahre kaum etwas an den Räumen verändert, so dass man quasi die authentische Atmosphäre des Lebens der damaligen Oberklasse zu sehen bekommt. Man kann nicht nur alte Fotografien, Möbel, Geschirr , schwere Vorhänge und den von Sklavenkinderhand zu bedienenden Riesenfächer über dem Esstisch betrachten, sondern auch einen Blick in die Buchhaltung werfen, wo man nachvollziehen kann, was Sklaven unterschiedlicher Qualifikation damals so gekostet haben. Die Preise reichen von 900 $ für Kinder bis zu 3.000 $ für Herren mit gärtnerischer Ausbildung.

Für damalige Verhältnisse stolze Summen, die verdeutlichen, welch einträgliches Geschäft der Skalvenhandel war, der ja bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts üblich war. Diese Beträge lassen aber auch erahnen, welch wirtschaftlicher Schaden mit der Flucht eines Sklaven verbunden war, was drakonische Strafen nach sich zog. Sie verdeutlichen ferner, wie aberwitzig lange ein Skalve arbeiten musste, um sich die Freiheit von seinem Herren zu erkaufen (ja, das gab es vereinzelt auch). Und schließlich wird erklärbar, mit welcher Verbissenheit die Herren der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg um die Bewahrung ihres letztlich auf Sklavenarbeit basierenden wirtschaftlichen Systems gekämpft haben. Und ähnlich wie in Preußen, als da um 1800 die Leibeigenschaft abgeschafft wurde, und die Bauern baten, doch im mit der Leibeigenschaft verbundenen System einer minimalen Daseinsvorsorge durch den Gutsherren per Petition an den König bleiben zu dürfen, blieben auch nach der offiziellen Freilassung viele der Sklaven als Tagelöhner weiter auf den Plantagen.

Wiederhergestellt wurden neben der imposanten Villa auch die spartanischen Behausungen der etwa 100 Sklaven, die auf der Farm arbeiten mussten. Einfache Bretterhütten auf Stelzen. Die Sklaven haben nach den Zwölfstundentagen die sie auf der Farm, in der Schmiede oder im Gutshaus leisten mussten oft noch eine kleinbäuerliche Nebenwirtschaft betrieben. Ein unglaublich hartes Leben, welches übrigens schon damals mit Opiaten, die es für die Sklaven wie Medizin gab, bewältigt wurde. Die Sklaven konnten mit dem Nebenerwerb aber auch eigenes Geld erwirtschaften und sich oder Angehörige theoretisch auch freikaufen.

Die Farm ist aber auch landschaftsplanerisch eine sehenswerte Anlage. Da gibt es riesige schattenspendende Bäume, Blumengärten, kleine Teiche. Am eindrucksvolltesten ist jedoch die Allee riesiger Eichen, die vom Ufer des Mississippi zum Gutshaus führen. Viele der Bäume wind mehr als 400 Jahre alt. Sie sind dort nicht einfach gewachsen, sondern wurden aus anderen Landesteilen mit gigantischen Ochsengespannen herbeigekarrt und verpflanzt. Diese Bauallee lenkte nicht nur den Blick vorbeifahrender Dampferpassagiere auf das Gutshaus. Sie wirkten mit ihren Kronen auch wie ein großer Frischlufttunnel, der kühle Luft vom Fluss auf das Haus lenkte.

Donaldsonville

Die alten Plantagen bieten oft Gästehäuser für teure Übernachtungen an. Wir wollten nicht so viel Geld ausgeben und sind in ein wenige Kilometer entferntes Städtchen, nach Donaldsonville (benannt nach seinem Gründer) gefahren.

Das war ein großes Glück. Denn Quartier fanden wir in einem alten Bürgerhaus, was fast noch komplett so eingerichtet ist, wie es die Erben nach dem Tod der letzten Bewohnerin hinterlassen haben. Victorian On the Avenue heißt die empfehlenswerte location. Die Zimmer sind komfortabel, man sitzt abends im üppigen Wohnzimmer voller alter Möbel und kann morgens in der Küche am Herd sein Frühstück zubereiten, als sei man bei Freunden zu Besuch.

Donaldsonville hat viele architektonisch interessante Häuser in einem Quartier, welches die Einheimischen mit Schildern als das „historische“ markiert haben. Die Stadt wird eingerahmt vom Mississippi im Norden und der Eisenbahn im Süden. Mal tuten die Flussschiffe, mal die Lokomotiven – Romantik pur.

Dennoch stehen gerade im historischen Teil der Stadt zahlreichen Länden oder gleich ganze Häuser leer. Mag sein, dass das am leichten Schwefelgeruch liegt, der ab und zu von der benachbarten Raffinierie herüberweht. Wir vermuten, dass es wohl an der insgesamt nicht sehr rosigen wirtschaftlichen Lage des sehr auf Landwirtschaft, Öl und Chemie ausgerichteten Südens liegt. In der Kneipe sagt einer unserer Gesprächspartner (man findet sie quasi sofort oder wird gefunden) „Ach was, die Leute kommen und gehen.“

Galveston

Es gibt eine Art Rentnerland, und das liegt am Golf von Mexiko auf halber Strecke zwischen New Orleans und Corpus Christi. Der Weg dort hin führt durch ewiges flaches Farmland, dann erreicht man eine Küstenstraße, die immer mal durch Fähren unterbrochen wird, auf denen man Flussmündungen oder längliche Buchten überwindet. Vorbei geht es an petrolchemischen Fabriken, gelegentlich auch Tankstellen.

An der Küste befinden sich zahlreiche nette Ferienhaussiedlungen. Hotels hingegen oder Pensionen sind rar. Ebenso verhält es sich mit Gastronomie. Die Häuser in den Dünen sind in Privatbesitz, man bringt offenbar alles mit, was man in zwei Wochen zu essen gedenkt, oder fährt in die Malls der Umgebung. Für den Reisenden kein glücklicher Umstand.

Galveston liegt auf einer Insel und besteht fast nur aus Hotels. Es gibt eine lange Strandpromenade (natürlich vierspurig und Tag und Nacht befahren), Meerblick ohne Ende und eine Seebrücke mit einem kleinen Vergnügungspark, für den man Eintritt bezahlen muss.

Der Vergnügungspark hat erstaunlich selten geöffnet, ganz im Gegensatz zu einer im Hafen liegenden Ölbohrplattform, die man besichtigen kann. Dort erfährt man Interessantes über das Öl, das Bohren und die Plattform. Alles wird heroisch, doch mindestens technisch interessant geschildert. Über das Leben an sich auf den im Meer vertäuten Stahlkolossen erfährt man eher wenig. Gleichwohl man ist erstaunt, mit welch gigantischem Aufwand und mit welch technischer Raffinesse das Öl vor den Küsten dieser Welt gefördert wird.

Calveston war mal ein bedeutender Badeort, der u.a. der Erholung von Armeeangehörigen diente. Die Insel verfügt über eine große Klinik und eine Oper. So jedenfalls nennen die Einheimischen ein von außen an ein Kaufhaus erinnerndes Gebäude in einer historischen Straßenzeile, das im Inneren mit bescheidenem Dekor aufwartet.

Aber das schönste an Galveston ist einfach der Strand, der in eine herrlich flache Bucht führt und jeden Morgen maschinell geharkt wird.

Corpus Christi

Die Stadt war mir ein Begriff, denn nach Ihr sind ein Flugzeugträger und ein Atom-U-Boot benannt, welche beide im Kalten Krieg einige Bekanntheit erlangten. Der Flugzeugträger liegt inzwischen als Museum in Sichtweite des Kunstmuseums, das U-Boot ist nicht aufgetaucht.

Corpus Christi ist ein gutes Beispiel für die Architektur amerikanischer Innenstädte. Es gibt eine Reihe historischer Gebäude, die um die hundert Jahre alt sind und mit ihren Backsteinfassaden an die deutsche Industriearchitektur der Gründerzeit erinnern. Dann stehen einige Solitäre herum, Hochhäuser mit den üblichen Fassaden der Postmoderne. Was mich aber am meisten überraschte waren riesige freie Flächen. Oft als Parkplatz genutzt, wirken sie doch in meinen Augen wie die Folgen eines zerstörerischen Krieges, von dem man sich nur langsam erholt. Ich musste an meine Kindheit in Leipzig denken: freie Sicht durch das Stadtzentrum, das vor dem Bombeninferno einmal eine geschlossene Blockbebauung aufwies.

Sind diese Flächen mit Rasen und drei vier Bäumen begrünt, werden sie gleich Park oder wenigstens Plaza genannt, als können man dadurch eine gewisse Aufenthaltsqualität beschwören. Es gelingt nicht. Das mag an der allgegenwärtigen Hitze liegen, dem unerbittlichen Lärm von Autos und Kühlaggregaten oder einfach den Menschen, die lieber in klimatisierten Autos oder Häusern sitzen. Es gibt, wenn man so will, kein Straßenleben. Sommerliche Biergärten? Cafe´s? Fehlanzeige. Höchstens mit brillenträgerfeindlichem Sprühnebel zur Kühlung oder ratternden Gebläsen, die allen Ernstes kalte Luft in die Landschaft blasen, vergleichbar den mitteleuropäischen Heizpilzen im Winter.

San Antonio

Wir sind in einer Gegend, die früher zu Mexiko und noch früher zu Spanien gehörte. San Antonio war eine der ersten Missionsstationen der Spanier in dieser trockenen und heißen Gegend. Die Ruinen und einige Gebäude aus dieser Zeit stehen bis heute. Der Ort ist aber auch deshalb eine Pilgerstätte, weil eine mutige amerikanische Besatzung der Missionsstation einen verzweifelten Kampf gegen in Massen anrückende mexikanische Streitkräfte führte. Die glücklicherweise rechtzeitig eintreffenden Truppen der Vereinigen Staaten konnten das Blatt gerade noch wenden und eine Legende war geboren.

San Antonio hat eine Attraktion, und zwar einen Kanal, der die Stadt in einer großen Schleife durchzieht. Parallel zu diesem Kanal verlaufen kleine Uferpromenaden, an denen sich zahlreiche Restaurants drängen.

Man kann den Kanal mit kleinen Elektrobooten befahren, die wie Busse verkehren. Wandert man flussauf kommt man an zwei Brauereien vorbei. Die eine ist jetzt Museum für Kunst und Frühgeschichte, die andere wurde zu einem gigantischen Viertel mit Hotel und diversen Shops umgebaut. Alles sehr edel.

Angesichts dieser Brauereiveredelungen musste ich mit Trauer an das Gelände der Sternburgbrauerei in Lützschena denken, mit ähnlich imposanten Gebäuden, allerdings in der Hand dummer Investoren dem fortwährenden Verfall preisgegeben.

Den Abend vor unserer Weiterreise zierte ein besonderes Event. Eine Art Flottenparade. Das war eine skurriles Schauspiel auf dem oben erwähnten Kanal. Die tags noch als Busse verkehrenden Boote fuhren dekoriert wie Karnewalswagen den Kanal entlang und die Bevölkerung an den Ufern applaudierte mehr oder weniger enthusiastisch.

Jedes Boot symbolisierte eine Waffengattung. Vertreten waren aber auch militärische Jugendorganisationen, Seniorenverbände und von Soldaten gebildete Bands unterschiedlicher Musikrichtungen. Ins Auge viel uns ein Boot, auf dem, in einem Sessel sitzend, ein Veteran gepriesen wurde, der an drei Kriegen teilgenommen hatte. Als Die Flottille unter einer Brücke nach dem Ende des Zuges aufgelöst wurde, sind wir losgestürzt. Um eben diesen betagten Mann noch einem zu porträtieren.

Tomas hatte tatsächlich im zweiten Weltkrieg, in Korea und in Vietnam gekämpft. Ein Freund und Kenner in Deutschland hat dann anhand der Rangzeichen sogar die Einheit identifizieren können, der Tomas angehörte. Im entsprechenden Wikipedia Artikel erfuhr ich dann allerdings, dass sich sämtliche Angehörigen der Division als Teilnehmer der aufgezählten Kriege nennen durften, auch wenn von der Division nur einzelnen Kompanien an den Kampfhandlungen teilgenommen haben. Ob Tomas also ein erfolgreicher Haudegen oder ein Bürohengst in der Etappe war, konnten wir nicht mehr erkunden.

Marfa

Auf dem Weg zu diesem kleinen Geheimtipp in der Wüste hat uns auf der Autobahn ein so starkes Unwetter heimgesucht, dass alle Autos freiwillig mit blinkendem Warnlicht auf dem Standstreifen hielten. Es waren Wassermassen, die da in die Wüst prasselten, denen die Scheibenwischer nicht mehr gewachsen waren.

Marfa liegt an Schnittpunkt zweier Eisenbahnlinien in der texanischen Wüste und wäre wohl längst vergessen, hätte nicht die Kunst in Gestalt von Donald Judd großflächig zugeschlagen. Judd hatte in diese Gegen Militärdienst gleistet und eine gewisse Begeisterung für die Einsamkeit der texanischen Wüste entwickelt. Genervt vom Trubel des Lebens in New York und anderen Städten, in die es ihn als Künstler und Kunstkritiker verschlug, hat er kurzerhand eine verlassenes Militärgelände und danach noch 21 weitere Immobilien in Marfa gekauft und später alles in eine Stiftung gepackt.

Wo früher Ersatzteile für Flugzeuge lagerten und später deutsche Kriegsgefangene Munition produzierten, lagern heute die Objekte, Installationen und die Bibliothek von Judd. Daneben gibt es noch Ateliers für Künstler, die gelegentlich in Marfa arbeiten. Das Ganze könnte man als texanisches Worpswede bezeichnen, denn noch zu Lebzeiten hat Judd zahlreiche Künstlerfreunde in die Einsamkeit locken können.

Dennoch ist das eine schrille Hinterlassenschaft, denn Donald Judd hat zu all seinen Räumen und Objekte eine absolute Veränderungssperre verfügt, so dass z.B. die gigantischen Bestände seiner Bibliothek zwar besichtigt, aber nicht einmal berührt werden dürfen. Eine Bibliothek, die es übrigens in fünffacher Ausgabe gibt, denn Judd hat aus Prinzip jedes Buch fünffach gekauft, damit die Exemplare in die jeweiligen Bibliotheken seiner fünf Wohnorte verfrachtet werden konnten. Immerhin hat er auch täglich mehrere Stunden gelesen und sich zu zahllosen Wissenschaftsgebieten autodidaktisch gebildet.

Den Konservatoren seiner Kunst droht allerdings Ungemach, denn der Säurefraß wird trotz Wüstenklima vor den Bibliotheken nicht halt machen und die von ihm verfügten Lehmziegelmauern bröckeln bereits heute bedenklich.

In Marfa gibt es ein sehr schickes und nicht ganz billiges Hotel nebst angegliederter Buchhandlung für das wohlhabende Klientel aus den USA. Wir haben diesem ein Motel am Stadtrand vorgezogen. Und das liegt gleich neben der Cowboy-Kapelle.

Big Bend

Fährt man von Marfa zwei Stunden gen Süden erreicht man den Big Bend Nationalpark. Der besteht aus beeindruckenden Felsformationen.

Diese Reihen sich an der Schlucht des Rio Grande auf, der den Grenzfluss zu Mexiko bildet. Früher gab es zahlreiche Grenzübergänge, an denen man fröhlich das Land wechseln konnte. Die Zeiten sind leider vorbei. Zumindest offiziell, denn die Wasserentnahme aus dem Fluss ist so gewaltig, dass er über weite Strecken nur noch ein flaches Rinnsal ist, welches nicht mehr als Grenzfluss taugt.

Die von Donald Trump angekündigte Mauer will hier allerdings kein Mensch haben. So wird zwar das Auto bei der Ein- und Ausfahrt in die Region kontrolliert, aber von Grenzbefestigungen ist hier (noch) nichts zu sehen. „Wo sollte denn die trumpsche Mauer stehen?“ fragt der Betreiber des Lebensmittelladens in Lachita, „Etwa mitten im Fluss? Der ändert doch in jedem Frühjahr seinen Lauf!“

In Lajita sind wir gelandet, weil wir auf dem Weg von Marfa in den Nationalpark diverse andere Quartiere ignoriert haben, die am Weg lagen und nicht immer einladend wirkten. Jetzt mussten wir feststellen, das dass vermeintliche Dorf eigentlich aus Häusern besteht, die allesamt Teil des Golfhotels sind, welches hier auch preislich die Platzhirschfunktion hat. Zähneknirschend sind wir eingecheckt, denn Weiterfahren ohne Ziel und Internet wollten wir nicht. In weiten Teilen des Nationalparkes gibt es wie auch sonst oft in der Wüste keinen Mobilfunkempfang. Da lässt sich schlecht nach alternativen Quartieren googeln.

Das Hotel wirbt mit dem heißesten Golfplatz der USA. Tatsächlich heizen die blanken Felsen der umliegenden Berge die Gegen wie einen Backofen auf. Nachts kühlt es ab, aber der Golfrasen muss quasi ständig bewässert werden. Gut für die Schmuggler am Grenzfluss, denn dort kommt das Wasser her. Aushalten kann man es im Pool. Erstaunlicherweise wird in diesen heißes Wasser eingeleitet. Von Solarenergienutzung gleichwohl keine Spur. Man heizt und kühlt – koste es was es wolle.

Die Strecke entlang des Rio Grande ist landschaftlich sehr reizvoll, wenn man Wüste und Felsen mag.

Auf dem Weg nach El Paso passieren wir den kleinen Grenzort Residio. Dort kommen wir mit den Mitarbeitern einer Bäckerei ins Gespräch. Deutschland hat auch bei Bäckern einen guten Ruf. Und die Trumpschen Mauerpläne haben den nicht. „Wenn die Grenze wirklich auf Dauer dicht gemacht wird, müssen hier die Rentner wieder arbeiten.“ Sagt Claudia, die Verkäuferin. Und das deckt sich mit dem, was uns schon der Besitzer des Lebensmittelladens in Lajita sagte.

El Paso

Nach El Paso führt uns der Weg und wir passieren erneut das Städtchen Marfa. Einige Kilomter hinter dem Ort gibt es eine besondere Attraktion: einen mitten in der Wüste stehenden Prada-Laden. Einsam ist es dort nicht, denn es halten immer aufs Neue Fotografen und Touristen, aber geöffnet ist nie. Coole Sache.

Kurz vor El Paso wird es wieder etwas grüner. Plantagen entlang der Interstate 10. In El Paso nehmen wir Quartier in einem historischen Hotel. Es wurde behutsam renoviert und im Foyer findet man einige Antiquitäten aus der Bauzeit.

Das Hotel hat eine bewegte Geschichte, u.a. nächtigten hier John Dillinger mit einigen Gefährten. Das Hotel verfügt über eine bemerkenswerte historische Klimaanlage: vom Dach aus wird kalte Luft auf den Flur gepumpt, vor drot strömt sie bei Bedarf durch Klappen über den Zimmertüren und entweicht über kleine Spalten in den Fenstern. Auf diese Weise zieht es zwar irgendwie überall, aber es is kühl und in den Zimmern wäre es sehr ruhig, würde nicht draußen der übliche Lärm stattfinden.

El Paso ist eine typische Grenzstadt. Es gibt eine Grenzbefestigung, die sich durch nichts von der Berliner Mauer unterscheidet.

Doppelte Zäune, Stacheldraht, und geschossen wird auch, und zwar ohne dass es im Anschluss großartig Untersuchungen oder gar Sanktionen gegen die Schützen gibt.

Gleich beim Grenzübergang gibt es ein Viertel voller Billigläden.

Hier verkaufen Händler Unmengen von Billigkram, vor allem Klamotten aus China an Händler, die die Ware in Mexiko weiterverkaufen. Über die Grenzübergänge strömen täglich Pendler, die im amerikanischen Sektor der Stadt arbeiten. Sie sind Teil des subtilen Rassismus, der die amerikanische Gesellschaft nach wie vor prägt: niedere und schlecht bezahlte Tätigkeiten werden ganz überwiegend von Latinos, Asiaten und Schwarzen erledigt. Das sieht man auf Baustellen, in den Küchen, auf den Hotelfluren. Bei den Obdachlosen wiederum scheint der Anteil der Weißen bei etwa 50 % zu liegen. Offenbar gehen diese öfter wirtschaftliche Risiken ein, kommen leichter an Drogen, ich weiß es nicht genau.

Bei meinem morgendlichen Spaziergang habe ich den Bahnhof besucht. Der ist frisch restauriert und liegt am Ende einer Betonschlucht, die teilweise übertunnelt das Stadtzentrum durchquert und eine Bahnlinie kreuzungsfrei durch die Stadt leitet. Keine Menschenseele in dem imposanten Gebäude, was nicht verwundert, denn nur drei mal in der Woche hält hier ein Personenzug. Aber es gibt Hoffnung: in El Paso steht eine nagelneue Straßen unmittelbar vor der Inbetriebnahme.

In El Paso machen wir noch eine seltsame Erfahrung. Nachdem Claudias Reisemobiltelefon der nicht ganz so preisintensiven Klasse, aber doch aus dem Hause eines namhaften Herstellers überraschend nicht mehr telefonieren wollte (kein Guthaben mehr), haben wir einen Handyladen des Netzbetreibers aufgesucht. Nach stundenlangem Pröbeln der sehr fitten Shop-Betreiberin, Anrufen bei geheimen firmeninternen Abteilungen, diversen Neustarts, der Vergewisserung, dass das Guthaben keineswegs aufgebraucht ist, lediglich 20% sind abgearbeitet, blieb nur der Kauf eines Billigtelefons, mit dem die SIM-Karte erstaunlicherweise wieder funktionierte und noch stolze 40 $ Guthaben hatte. Des Rätsels Lösung: Claudias Telefon, in Kenia gekauft, in Vietnam vier Wochen lang mit Erfolg getestet, funktioniert in Amerika nicht. Allerdings bauchte „das Netz“ zwei Wochen, um dies festzustellen und hat dann kurzerhand abgeschaltet. Nix ging mehr. Unglaublich. Geheimer Protektionismus. Der Leser sei also vorsichtig ober beschränke sich auf die Apfeltelefone, mit denen das offenbar nicht passiert, denn ich konnte bis zum Ende meiner amerikanischen Tage unbehelligt telefonieren.

Tucson

Tucson ist eine nicht ganz so typische amerikanische Stadt. Es gibt eine Straßenbahn und die fährt entlang einer relativ verkehrsruhigen, mit Fahrradspur ausgestatteten Straße, an der sich Kneipe um Kneipe, Hippieausrüstlungsläden und Tattoo-Studios reihen. Das hat die Stadt offenbar den zahllosen Studenten zu verdanken. Und den Professoren verdankt sie ein erstaunlich großes und grünes Villenviertel, in dem sich zahlreiche Architekten mit unzähligen Stil-Zitaten austoben durften. In deren sorgfältig gepflegten Vorgärten zahlreiche Schilder mit politischen Bekenntnissen, ausschließlich dem linken Lager zuzuordnen. Wäre nicht die Hitze, könnte man hier sehr lange Spaziergänge machen.

So bevorzugen wir das lokale Kunstmuseum, das sich in Art und Inhalt nicht wesentlich unterscheidet von dem, was wir bereits in New Orleans, Corpus Christi und San Antonio gesehen haben. Bei der amerikanischen Gegenwartskunst haben kitschige Cowboybilder neben der wirklichen Moderne ihren festen Platz. Renaissancebilder aus der „zweiten Reihe“ der Kunstgeschichte mussten offensichtlich dilettantische Restaurierungsversuche ertragen. Die Farben wirken wie nach einer Bearbeitung in Photoshop, teilweise wurden Bilder durch „Experten“ zu ende gemalt. Über die Herkunft der Bilder erfährt man wenig und sie wir im einen oder anderen Fall zweifelhaft sein. Da durchströmt einen schon ab und zu mal europäischer Stolz, weil einem klar wird, dass bei uns doch die Ankerwerke der älteren Kunst mit den wirklichen Highlights zu sehen sind.

In Tucson gibt es ein kleines Eisenbahnmuseum am Bahnhof. Es kündet von den goldenen Zeiten, in denen die Eisenbahn noch ein bedeutendes Verkehrsmittel war. Davon künden alte Fahrpläne, pompöses Porzellangeschirr (Jetzt gibt es dies nicht mal mehr in den Gaststätten, nur noch Polystyrol und Plastikkram).

Am Bahnhof in Tucson gab es vor Jahrzehnten eine Sensation, die mehr als tausend Besucher anlockte: der mal wieder verhaftete John Dillinger wurde am Bahnhof in einen Zug verfrachtet, bevor er mal wieder irgendwo ausbrach und die nächste Bank knackte.

Ansonsten das Übliche: drei Züge pro Woche.

Biosphere 2

Dieses Experiment hat mich schon immer fasziniert. Welch glücklicher Umstand, dass dieser bizarre und architketonisch durchaus interessante Komplex über einen kurzen Umweg an der Strecke Tucson – Phoenix zu erreichen ist. Man kann eine zweistündige Führung buchen und vom Leben und Scheitern der Bionauten erfahren. Bekannt war mir, dass ein Grund für das Aufgaben weit vor dem Ablauf der geplanten zwei Jahre die explosionsartige Vermehrung der Ameisen war, derer man bis heute nicht wirklich Herr wurde. Neu war für mich auch, dass das Habitat „Ozean“ – ein großes Salzwasserbasin mit künstlichen Wellen nach relativ kurzer Zeit kippte, weil man das Leben der Korallen als zu einfach ansah. Nach den Korallen starben die meisten Fische. Erstaunlich, denn ausgerechnet damit hätte man, so meine ich, doch auf das profunde Wissen der Betreiber von großen und kleinen Aquarien zurückgreifen können.

Was aber das größte Problem war- und das war mir neu – die acht Bionauten, die sich dem Experiment aussetzten, haben quasi ununterbrochen Zwölf-Stunden-Schichten geschoben. Denn der Unterhalt aller technischen Systeme, Wartungen, Nahrungsmittelproduktion, Essenszubereitung, Putzen und eben auch der Kampf gegen die Ameisen fraßen mehr Zeit als zunächst erwartet. So bliebe denn der eigentliche Zweck des Projektes, die wissenschaftliche Forschung zu künstlichen, abgeschlossenen Ökosystemen völlig auf der Strecke. Die Bionauten haben sich quasi in die Urgesellschaft zurückkatapultiert, in der es weder Mehrprodukt noch Zeit für Kunst und Wissenschaft gab, sie mussten die gesamte Zeit für die Existenzerhaltung aufwenden. So war denn der angestrebte wissenschaftliche Nutzen eher bescheiden. Und auch heute wird zwar ab und zu ein wenig geforscht, aber eben wie in jedem anderen Gewächshaus auch, mit offenen Türen und wechselnder Besetzung.

Die gesamte Anlage ist gigantisch groß. Die technischen Einrichtungen (Lüftungen, Wasserkreisläufe, Licht, Klimatisierung) verbrauchen jährlich Strom im Wert einer halben Million Dollar, was nur mit einem eigenen Kraftwerk zu bewerkstelligen ist. Nur an den Rand des Geländes haben sich ein paar Solarzellen verirrt, als eigenständiges Forschungsprojekt mit bescheidenem Umfang.

Allein um den wechselnden Luftdruck auszugleichen, den es gibt, wenn sich tagsüber die Gewächshäuser in der Wüste aufheizen, wurden zwei große Kuppeln gebaut, unter denen sich große Gummimembranen befinden, die den wechselnden Luftdruck in dem Komplex ausgleichen. Ansonsten wären reihenweise die Fensterscheiben aus den Rahmen geflogen und auch die Menschen hätten gelitten.

All das zeigt, wie weit wir praktisch von der Idee entfernt sind, auf dem Mond (gleich um die Ecke) oder gar auf dem Mars irgendwelche autarken Siedlungen unter Glas zu bauen, in denen es sich die Astronauten gemütlich machen können. Lasst uns daher lieber dafür sorgen, dass uns die Flucht auf andere Planeten noch eine Weile erspart bleibt.

Gilbert

In diesem Vorort von Phoenix, der Hauptstadt von Arizona, hat Simon 10 Monate seines Lebens verbracht als Gastschüler an einer High-school und als Gastbruder in einer Familie, Mutter aus den USA, Vater aus Spanien eingewandert.

Wir haben uns immer ein wenig gewundert, dass die Freizeitaktivitäten unseres Sohnes etwas eingeschränkt waren, es eigentlich immer nur Dinge gab, die in dem Haus oder bei Sporttrainings stattgefunden haben.

Als wir den Ort dann sahen, weil wir unseren Sohn abholten und noch ein paar wirklich schöne Stunden mit seiner Gastfamilie verbringen durften, war uns klar, wie die Infrastruktur das Leben in einem solchen Ort beeinflusst, ja (aus deutscher Perspektive) geradezu deformiert.

Gilbert ist eine Ansammlung von schachbrettartig angeordneten, von Mauern umfriedeten Flächen, die entweder mit Reihenhäusern oder Malls bebaut sind. Es sind nicht die berüchtigten gated communities, die man nur mit Geheimzahl betreten kann. Aber ein Austausch zwischen benachbarten „Stadtteilen“ findet quasi nur in den Malls oder den Kirchen statt. Die Häuser sind in der ganzen Stadt gleichförmig braun-beige gehalten, was mit den Farben der umgebenden Wüsten und Brachen korrespondiert. Eine Orientierung an irgendwelchen markanten Gebäuden (selbst die Kirchen habe nur winzige Türmchen und scheinen aus dem Baukasten des Gewerbebaus zu stammen) noch anhand wechselnder Farben ist möglich. Für kleine Kinder ist eine Orientierung quasi nicht möglich.

Aber das stört niemanden, denn weder auf den autofreien Grünstreifen zwischen den Häusern (gut gemeint…), noch in den winzigen Vorgärten sieht man Kinder. Überhaupt wirken die Viertel komplett menschenleer. Es gibt lediglich Autos, die irgendwie herumfahren. Und einen Pool, der neben Schule und Kirch die einzige kommunale Abwechslung darstellt. Für 100 $ pro Monat kann die ganze Familie beliebig oft schwimmen und plantschen. Für den Zugang gibt es eine Chipkarte. Dieser Ort wird denn auch für Familienfeiern und Parties genutzt. Man bringt alle Verpflegung in riesigen Kühlboxen mit.

Aber ansonsten halten sich Menschen aller Generationen in den Häusern auf, die auf etwas über zwanzig Grad mit ständig laufenden Klimaanlagen heruntergekühlt werden. So wie wir uns das Leben jenseits des Polarkreises nur mit fetten Heizungen vorstellen können, funktioniert das Leben in der Wüste auch nur in Räumen, die ständig gekühlt werden. Wenn man sich allerdings in die Schule eine Jacke mitnehmen muss, damit man sich bei Außentemperaturen um die 37°C im Gebäude erkältet, ist das schrill.

Weil die Malls die einzigen Orte sind, an denen so etwas wie Gastronomie stattfindet (Fastfood-Ketten aller Art) und auch sonst Kommunikation in der Öffentlichkeit möglich ist, die nicht auf digitale Formen beschränkt ist, sind das neben Tankstellen die einzigen Orte, an denen sich Jugendliche in der Freizeit treffen.

Die Separierung von Wohnen, Einkaufen, Arbeiten durch Entfernungen, die nur mit Autos zu bewältigen sind, hat Folgen. Die Leute sehen sich nicht mehr wirklich. Es sei denn, man trifft sich zu abendlichen Pokerrunden, wie im Hause von Simons Gasteltern an den Wochenenden üblich.

Grand Canyon

Wenn wir einmal da sind … das ist eigentlich ein schlimmer Touristenort. Man kann mit Bussen hinfahren, mit dem Trailer, mit dem Hubschrauber Rundflüge machen und es gibt noch einen Stummel Eisenbahnlinie, auf der Sonderzüge direkt an den Rand der Schlucht fahren, einmal täglich. Es sind Nostalgiezüge mit Panoramawagen. Es gibt mehrere große Hotels, darunter einige sehr alte mit tollem Flair und heftigen Preisen. Es gibt ein nicht so teures Hotel mit Dauerschlange an der Rezeption, mehreren Bettenhäusern und einer Art Betriebskantine mit durchgerufenen Nummern und Selbstbedienung. Das haben wir genommen. Und was es nicht gibt ist Mobilfunkempfang. Nirgends. Auch dort nicht, wo man wirklich verlorengehen könnte, im eigentlichen Canyon und in den Wäldern in der Umgebung.

Man zahlt einen Eintritt in den Park an den zwei Zugangsstraßen und ist dann in einer Art Abfertigungsmaschine mit kostenlosen Bussen auf Rundkursen durch das Dörfchen, allgegenwärtigen Rangern und hunderten Warnschildern.

Die meisten Menschen, so wir auch, nehmen den Bright Angel Trail und klettern in sengender Hitze ins Tal, wenigstens die ersten 600m der insgesamt 900 m bis zum Fluss, was nicht an einem Tag zu schaffen wäre, wenn man Abends wieder an der Kante des Canyons stehen will. Für die 600 m (Höhenunterschied) legt man ca. 20 km zurück und braucht aufwärts etwa die doppelte Zeit.

Aber die Landschaft ist atemberaubend und man läuft quasi durch ein geologisches Bilderbuch der letzten 300 Millionen Jahre, in den einzelnen Schichten aufgeblättert. In der Saison befindet man sich in einer Art Massenbewegung, auch wenn der Weg nichts ist für die übergewichtige Hälfte der Amerikaner. Es gibt an der Strecke drei Wasserstationen mit Quellwasser, Nottelefonen und Notfallkisten für völlig erschöpfte mit Aufstiegsproblemen. Die Notfallkiste haben wir nicht gebraucht, obwohl Simon ganz schön mit seiner Kondition zu knabbern hatte. Aber wir hatten, wenn wir uns nicht unterhalten haben, was bei dem schmalen Weg nicht oft ging, Simons Musik dabei, die in vielfältigsten Stilrichtungen aus dem Handy dudelte. Der Hammer in dem Repertoire ist eine komplette LP des Alexandrow-Ensembles. So tönte denn die alte sowjetische Nationalhymne, als wir forschen Schrittes einige amerikanische Pfadfinder überholten.

Fährt man vom Grand Canyon in östlicher Richtung auf Flagstaff zu, durchquert man einige kärgliche Indianerreservate in der Wüste. Man bemerkt das eigentlich nur daran, dass es auffallend viele ärmliche Behausungen mitten im Nichts gibt und die Straßen gesäumt sind von zahlreichen Verkaufsbuden, an denen Schmuck, Dörrfleisch und Souvenirs verkauft werden.

Flagstaff lag an unserem Weg. Zeit für eine Pause und eine Begegnung mit einem Polizisten, der unbemerkt hinter uns herfuhr, und Claudia dann auf dem Parkplatz zurechtwies, weil sie wohl vor ihm nicht korrekt die Spur gewechselt hatte. Dass wir nur nach vorn geschaut haben und nicht in den Rückspiegel, weil wir so angestrengt nach einem Parkplatz gesucht haben, hat er uns zum Glück abgenommen.

Flagstaff ist ein lockeres Studentenstädtchen an der Route 66 mit Resten einer Altstadt und unzähligen Motels. Es ist ein wenig vom Charme der 60iger Jahre geblieben mit den kleinen Kneipen und den noch schmalen Straßen. Auch hier ein vorzüglich restaurierter Bahnhof für drei Züge wöchentlich.

Da Lat

Da Lat wird in den Reisführern hoch gelobt. Genau deshalb sollte man eigentlich skeptisch werden. Der Ort wurde vor ca. 120 Jahren erst gegründet. Wegen der frischen Waldluft und der Höhenlage auf 1.500 m zogen die Franzosen als Kolonialherren hier in die Sommerfrische. Und der letzte Kaiser von Vietnam ließ hier eine Sommerresidenz bauen. Mit viel Aufwand wurde eine Bahnlinie angelegt, die wegen der starken Steigungen über weite Strecken als Zahnradbahn ausgeführt werden musste.

Wer aber auf die Reise hierher geht und mit dem Bus an zahlreichen Erdrutschen vorbei die Serpentinen nimmt, endlose Reihen von Folienzelten und Kaffeesträuchern passiert, der landet in einer kleinen Hölle aus Mopedlärm und Abgasmief, in der ca. 200.000 Menschen leben. 90 % der Häuser sind irgendwie Hotel, Restaurant oder etwas anderes für Touristen. Der Markt quillt über mit dem, was es in allen Städten des Landes gibt. Immerhin sorgen die Backpacker dafür, dass es abends etwas länger hell ist.

Aber es gibt eine französische Hinterlassenschaft, die trotz all dem Enttäuschungspotenzial einen Besuch wert ist. Das sind einige architektonisch bemerkenswerte Gebäude. Das wohl bekannteste ist die Sommerresidenz, gebaut von 1933 bis 1937 im Art Deco Stil. Die gesamten Räume, die noch bis weit in die Fünfziger Jahre von der Fürstenfamilie genutzt wurden, sind sehr gut erhalten, als wäre der Hausherr gerade erst verschwunden. Offenbar wurde nie ernsthaft renoviert, was dem Gesamtkonzept der Räume gut getan hat. Hier einige Eindrücke:

Verlässt man den Hügel mit der Residenz, steht man bald der im gleichen Stil erbauten Fasse des Pasteur-Institutes gegenüber. Auf dem Weg zurück in die Stadt habe ich zwei weitere gut erhaltene Villen im Art Deco Stil gefunden.

Immer mal wieder sieht man bei (vermutlich) jüngeren Bauten auch Zitate aus dem Art Deco-

Eine recht bekanntes Highlight ist der Bahnhof. Auch er ist gut erhalten. Allerdings haben die Kulturbanausen der Gegenwart ausgerechnet in der historischen Bahnhofshalle einen überdimensionierten Souvenierladen mit monströsen Kitschmöbeln aufgemacht. So viel zum Denkmalschutz in Vietnam.

Auf dem Weg zwischen Bahnhof und Innenstadt kann man, etwas zwischen Bäumen versteckt, ein Hotel besichtigen (noch in Betrieb), welches ebenfalls Einflüsse des Art Deco zeigt.

So viel zu Da Lat. Wer aber glaubt, hier  in den Bergen wandern zu können, muss wieder irgendwelche Exkursionen buchen oder den langen Weg durch die Vororte nehmen, um ein wenig Wald zu sehen.

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