Reisebilder – Claudia, Simon, Eric Brasilien – Argentinien – Chile – Costa Rica – California – China – Kenia – Polen – Russland – Spanien – Frankreich – Ungarn – Island – Italien

30.10.2016

Ruhrgebietsquerung 1

Filed under: Deutschland — Schlagwörter: — Eric Pawlitzky @ 11:00

Das Ruhrgebiet ist auf meiner Deutschlandkarte ein weißer Fleck. Der ist beschriftet mit Worten aus Staumeldungen, Namen von Flüssen und Klischees. Mit dem Zug bin ich oft durchgefahren. In Essen und Dortmund sogar schon ausgestiegen und ein zwei Tage geblieben.

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Hafen in Hamm

Die Expedition zum Lückenschluss beginne ich in Hamm. Zu Fuß, das Gepäck auf einem Handwagen, trotze ich dem Herbst. Die erste Etappe führt mich von Hamm nach Lünen. Die Route verläuft immer entlang des Datteln-Hamm-Kanals, der die Landschaft so schnurgerade durchzieht, dass man nicht die geringste Abweichung von der angestrebten Luftlinie zu fürchten hat.

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Die Landschaft entlang des Kanals beginnt in Hamm mit einem Industriegebiet, welches früher gewiss einmal von der Nähe zum Hafen und zum Kanal profitiert hat. Was heute noch mit Schiffen transportiert wird, ist nur für einen geringen Teil der verbliebenen Betriebe von Bedeutung. Schon eher die Kraftwerke profitieren von dem preiswerten Transport der Schüttgüter. Sie verfeuern Kohle und Hausmüll und erzeugen Energie, die sonstwo verbraucht wird, wohl aber kaum noch in der Nähe der Erzeugung. Eine ganze Kette solcher Kohlfresser steht am Kanal, zieht das Kühlwasser aus der grünlichen Brühe.

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Kaum steigt man vom Deich des Kanals hinab in die Orte. Einzig die Marina in Rünthe verlangt einen kleinen Umweg und überrascht mit dem Versprechen maritimen Vergnügens in Gestalt eines aberwitzig großen Hafens mit angeblich 300 Booten, die nicht so aussehen, als hätten sie etwas mit Sport zu tun. Ein Boot an dieser Stelle, das ist, als hätte man eine längere Sackgassen zum Austragungsort eines Autorennens gewählt. Gleichwohl: es nennt sich Yachtclub, was da residiert. Und ähnlich kläglich einige Wassersportanlagen, gleich hinter dem Deich, mit langen Ruderboten in Stahlregalen. Welch trostloses Training zwischen rostroten Spundwandzeilen.

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Lünen habe ich in der Dämmerung erreicht. Die Pension, die Google versprach, hatte außer dem Schild am Haus nichts mehr zu bieten. Das nächstgelegene Hotel in der Fußgängerzone hatte ein Zimmer zu einem dreisten Preis.

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Das Morgengeläut: Kehrmaschinen und Laubgebläse. Marktstände mit Jogginghose und Socken.

Aber kaum verlässt man das Städtchen nach Süden, die Wohnblocks aus den Fünfzigern werden grauer, erreicht man eine geradezu pastorale Idylle.

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Wäre da nicht das stete Rauschen von Autobahnen.

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Die Autos und die Autobahnen. Die sind ein ständiger Begleiter, die es überall zu beachten gilt, und die wie unüberwindliche Flüsse die Landschaft zerschneiden. Auch ein Geknäult von Bahnlinien teilt das Revier. Während die Kanäle blieben, ist die Hälfte der Bahnen verödet. Grau bröckelnde Brücken für Nichts. Verwachsenen Gleise, verwunschene Dämme. Die Leute im Ruhrgebiet – so scheint es – fahren ständig hin und her, oder im Kreis. Aber wozu? Es sieht überall gleich aus, es ist überall gleich wenig zu tun. Also warum nicht bleiben, wo man ist?

Die einst stolze Region klammert sich an Erinnerungen. Nicht nur die Straßennamen künden von Schächten, Zechen, Halden. Auch einige große Wegweise halten trotzig fest, woran nur noch die Alten eine lebendige Erinnerung haben werden. Die Hallen beherberg nur noch selten Walzwerke, sie sind Getränkegroßhandel und anderen Logistikunternehmen gewichen. Auf den Brachen machen sich Gebrauchtwagen breit.

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Aber das Ruhrgebiet ist erstaunlich grün, war es doch in alten Zeiten tatsächlich agrarisch geprägt. Aber es gibt nicht mehr das klassische Dorf mit Anger und Kirche und Schule. Die Städte fasern auseinander. Die Landwirtschaft hat sich in Silos und Ställen vereinzelt, inmitten der Felder, gleich neben aus Größe und Zeit gefallenen Einfamilienhäusern, die Stadtrand spielen und doch den Bauern gehören werden. Große Limousinen in den Einfahrten, ist die Misere des Bergbaus an ihnen vorübergegangen.

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Geht man auf Castrop zu und nähert sich Herne, verdichtet sich das Grau. Keiner investiert mehr in die Häuser, die einmal verkehrsgünstig gelegen waren und deren schmutzige Scheiben nun in die Lichter der Autos starren, in den nassen Asphalt. Hier, an den Aus- und Einfallstraßen kniet keiner vor der Treppe und kratzt das Moos ab, ist keine Idylle herbeidekoriert, hier ist der Ruhrpott nackt.

Brav hat man neben den Straßen Fuß- und Radwege gebaut, oder wenigstens markiert. Und dreist raten die Wanderkarten zu genau diesen Wegen, die man eigentlich schnell hinter sich lassen will.

So die Trostlosigkeit des hügeligen Herbstes. Selbst die Trinkhallen, einst wichtige Stütze des Systems, sind verwaist. Vielleicht weil das Bier kastenweise in die Autos passt, keiner mehr die Flasche auf dem Heimweg will.

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In Herne, einer Kleinstadt mit U-Bahnanschluss, ein Hotel voller Überraschungen. Im Doppelzimmer für 77 € sind nicht nur Frühstück und W-LAN enthalten, sondern auch das Bier aus dem Kühlschrank im Flur, worauf der müde Gast ausdrücklich hingewiesen wird. Am Frühstückstisch wird man von Chef persönlich bedient – kein Gerangel am Buffet. Und wer ist der Betreiber? Ein Russe.

Ex oriente lux.

30.3.2016

In Kenia für Denstists for Africa

Filed under: Kenia — Eric Pawlitzky @ 21:56

Ich bin zum zweiten Mal in Kenia unterwegs. Wieder darf ich ein fotografisches Projekt für Dentists for Africa realisieren. Für diese NGO aus Deutschland habe ich 2011 eine Reportage über die zahnärztliche Arbeit in verschiedenen ländlichen Regionen Kenias angefertigt. Mit einer Porträtserie aus dieser Arbeit habe ich ein Preisgeld gewonnen, welches ich zur Hälfte dem Verein spendete und dessen andere Hälfte mir nun eine zweite Reise nach Kenia ermöglichte.

Diesmal begleitete mich mein jüngster Sohn, dem ich nicht nur dieses wunderbare Land zeigen wollte, sondern der bei dieser Gelegenheit auch seinen Patenbruder kennen lernen sollte.

Ja, Denstists for Africa kümmert sich nicht nur um von Cola zerfressene Zähne, die Initiatoren haben sich auch entschlossen, Patenschaften für Kinder zu vermitteln, die ihre Eltern durch die AIDS-Epidemie und andere tragische Unglücksfälle verloren haben. Auf diese Weise habe ich am Ende meiner ersten Keniareise auch meinen vierten Sohn bekommen, den ich gleich in mein Herz geschlossen habe.

Das Ziel der diesjährigen Reise war eine Serie von Porträts und Interviews. Die ersten Jahrgänge der von Dentists for Africa geförderten Kinder sind erwachsen, und ich wollte dokumentieren, was aus ihnen geworden ist.

Ich bin beeindruckenden Persönlichkeiten begegnet, aber auch bescheidenen jungen Menschen, die es noch gar nicht richtig fassen konnten, dass sie nach Jahren bitterster Armut plötzlich mit Unterstützung aus Deutschland an einer Universität studieren oder einfach eine Friseurlehre (in Kenia ein College-Beruf) absolvieren können.

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Da ist z.B. Christopher (28), der es dank der Förderung aus Deutschland zum Facility-Manager eines kenianische Medienkonzerns gebracht hat. Er kümmert sich um die Erhaltung zahlreicher Gebäude einer TV- und Zeitungsgruppe in verschiedenen Städten Kenias. Aus einem kleinen Dorf hat ihn Bildung letztlich nach Nairobi geführt.

Kenia hat ein für afrikanische Verhältnisse vorbildliches Bildungssystem, Lehrer genießen ein hohes gesellschaftliches Ansehen. Allerdings muss in den meisten Fälle für Bildung bezahlt werden. Wer das Geld für die Grundschule nicht aufbringen kann, dessen Kind wird gnadenlos nach Hause geschickt. Wer Jura studieren will, zahlt etwa das Doppelte dessen an Studiengebühren, was ein Lehramtsstudent bezahlen muss. Der Besuch einer der nationalen Elitegymnasien kostet etwa 1.000 € im Jahr – nur für Reiche finanzierbar, es sei denn, das Kind kommt mit einem Top-Zeugnis und wird so von den Studiengebühren befreit.

Mein Sohn sagt, am besten gefalle ihm an Kenia die Freundlichkeit der Menschen. Und die ist tatsächlich bemerkenswert. Obwohl man als Europäer auffällt, mindestens so wie ein Farbiger in Deutschland auffallen würde, ist ein allgegenwärtiger Respekt und ein immer wieder gerufenes „Welcome to Kenia!“ prägend für denUmgang, frei von allen Formen der Aufdringlichkeit. Nervend ist nur das ewige „How are you!“ der Kinder, das uns hinterher gebrüllt wird, wo auch immer wir langgehen. Der vermutlich einzige Satz, der aus dem Kindergartenglisch haften bleibt. Oder man ruft einfach im Chor „Msungu!“ (Weißer!).

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Ich mag die kenianischen Landschaften. Diese werden auch von den Kenianer selbst immer wieder als der eigentlich Reichtum des Landes wahrgenommen. Es ist eine erstaunliche Vielfalt an Naturräumen und geologischen Besonderheiten auf engstem Raum. Die hingestreute Vegetation erinnert an Gemälde der deutschen Romantik. Die Farben, das Licht ohnehin. Und das Land ist irre grün. Die Regenperioden sind so über das Jahr verteilt, dass die Extreme nicht all zu heftig ausfallen.

Die Infrastruktur hingegen entwickelt sich nur langsam. Die einzige Eisenbahnlinie des Landes wird nur noch sporadisch bedient. Straßen im ländlichen Raum bestehen aus einem Gemisch aus Schotter und Lehm, sind nur selten asphaltiert oder wenigstens planiert. So ist denn das Motorrad gleich nach dem Bus das wichtigste Verkehrsmittel im Land. Selbst die Straße in den Nationalpark Maasai Mara ist so schlecht, dass einem nach zwei Stunden Fahrt einfach nur noch der Kopf dröhnt von dem ewigen Geschüttel. Angeblich wird diese Straße nicht erneuert, weil der Präsident den Westen Kenias nicht mag.

Ähnlich verhält es sich mit dem Tourismus. Das trügerische Schild „Hotel“ hängt an der kleinsten Bretterbude und meint eigentlich „Restaurant“. Das, was wir unter Hotel verstehen, findet sich am ehesten in der Umgebung touristischer Attraktionen und wird dann oft von Ausländern betrieben. Auch gibt es im Land zahlreiche kleine Flugplätze, die vorwiegend dem Transport der Touristen dienen – verständlich, denn der Transport auf dem Landweg ist abseits der Straßen eine harte Probe für Sitzfleisch und Geduld.

Interessant ist auch die Siedlungsstruktur. Dörfer im europäischen Sinne gibt es nur wenige. Vielmehr verteilen sich zahllose Gehöfte über das Land, oft ein einfaches Haus mit Wellblechdach, jeweils umgeben von vielleicht ein zwei Hektar Land, welches mit immerhin drei Ernten pro Jahr bestellt werden kann. Dennoch: auch in Kenia gibt es inzwischen große Farmen, oft in der Hand südafrikanischer Siedler, europäischer und chinesischer Konzerne, und auch die Teeplantagen sind keineswegs kleinteilig angelegt. Betrachtet man aber Hügel oder Tiefebenen von Weitem, sieht man wie hingestreut die Hüttendächer glänzen. Bäume stehe eher vereinzelt, aber doch in großer Zahl. Die einfache Unterscheidung zwischen Siedlung, Wald und Feld, wie sie für europäische Landschaften typisch ist, gibt es nicht.

Was man während der Reise kaum merkt: das Land ist ausgesprochen gebirgig. Nicht nur große Erhebungen, wie der Mount Kenia sind zu verzeichnen, sondern auch ausgedehntes Hochland mit um die 1.500 m über dem Meeresspiegel. Ein ideales Teeanbaugebiet.

Wie so oft in Afrika ist Wasser die alles entscheidende Ressource. Fließendes ist die Ausnahme. Selbst in Nairobi mussten wir verblüfft feststellen, dass der Neubaublock, in dem Christopher wohnt, zwar Wasserleitungen und Hähne für die jeweiligen Wohnungen besitzt, nicht jedoch einen Anschluss an die zentrale Wasserversorgung der Stadt. Also bringen Tanklaster das Wasser und pumpen es hinauf in die Zisterne auf dem Dach. Das ist immer noch besser als die Versorgung mit Kanistern, die von einer Quelle mit Eseln oder auf dem Kopf herbeigeschleppt werden müssen. Ebenso verblüffend für uns: ein Wohnzimmer ohne Außenfenster. Tageslicht gibt es nur aus dem Treppenhaus, welches von einem Dachfenster beleuchtet ist. Aber vielleicht ist ja Schatten ebenso kostbar wie Wasser.

In den Städten gibt es Neubaublocks aus Beton und Ziegeln. Auf dem Lande sind einfach gemauerte Häuschen und auch Lehnhütten die Regel. Jeweils mit Blech bedacht, welches einfach auf eine Holzkonstruktion geschraubt wird. Die Dachstühle darunter werden oft aus Ästen gezimmert.

Das Internet in Kenia läuft in erster Linie auf mobilen Strukturen. Die Menschen nutzen WhatsApp mit ihren Telefonen, E-mails sind eher die Ausnahme und High-speed-Anschlüsse gibt es nur in größeren Städten. Während das elektronische Bezahlen mit MPESA über Mobiltelefone gut funktioniert (und zugleich auch die ansonsten erforderlichen Bargeldbestände vor Diebstahl schützt), ist das Onlinebanking via Internet weitgehend unbekannt. MPESA lässt ferner nur relativ geringe Maximalbeträge für Zahlungen zu. Für größere Überweisungen muss man sich daher zur Bank begeben und in großen Schalterhallen Stunden mit dem Anstehen und dem Ausfüllen von Überweisungsträgern verbringen.

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