Von Bukarest nach Budapest

 

Wir wollen nicht unfair sein und Bukarest auch mal ordentlich loben. Am letzten Abend unseres Aufenthaltes haben wir die Altstadt besucht. Dort hat sich eine gigantische Kneipenmeile entwickelt. Zu Abend haben wir in einer historischen Brauereikneipe gegessen. Der Hit: drinnen wurde heftigster Volkstanz zelebriert. Die Musik kam vom Band, aber der kostümierten Profitanzgruppe gelang es sehr schnell, Leute aus dem Publikum zum Mittanzen zu bewegen. Alles wieder sehr laut, sehr schnell.

 

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In den Gassen reiht sich eine Kneipe an die andere. Die Tische auf der Straße sind so dicht gepackt, dass man sich geradezu hindurch schlängeln muss. Alles ist in ausgelassener Stimmung. Bunte Lichter wohin man schaut.

 

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 Am nächsten Morgen zeigt sich das Viertel dann deutlich nüchterner. Oft sind nur die Erdgeschosse für die Gastronomie saniert. Darüber der übliche Verfall, Baulücken aber auch zahlreiche Baustellen. Die Tische sind noch an den Seiten gestapelt. Doch bereits ab 10 füllen sich die Cafes erneut.

 

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Interessant war unser Besuch in einer alten Karawanserei. Das ist ein riesiger Hof, umgeben von Balustraden, in dem früher die Händler Station machen konnten. Dort gab es Quartiere, Lagerräume und Ställe. Die Händler verschiedener Regionen hatten jeweils ihre eigenen Karawansereien. Wenn man durch die „Leipziger Straße“ geht, ahnt man, welchen Rang Bukarest im Ost-West-Handel einmal hatte.

 

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Von dieser Internationalität ist aber in manchen Köpfen nicht mehr viel übrig. Ein Gespräch mit dem Portier unseres Hotels, Mitte zwanzig, nahm etwa folgenden Verlauf: „Sie wollen das Holocaust-Denkmal fotografieren? Das ist ein Skandal, da war früher mal ein Park. Und die Juden hätten das Denkmal ruhig selber bezahlen können.“ Ich:“ Ja, vor allem die ermordeten Juden.“ Er:“ Aber die Juden beherrschen ja die Welt, sie sind reich!“ Und dann ging es weiter in diesem Tenor: Die Roma gehören alle erschossen, Hitler war gar nicht so schlecht, Europa würde ein neuer Krieg durchaus gut tun, Bulgaren und Ungarn sind schlecht…. Unglaublich. Und der Hammer: der junge Mann ist Sohn eines Priesters. Aber natürlich längst aus der Kirche ausgetreten. Neben der erschütternden gab es noch eine vielleicht ganz interessante Information aus diesem Gespräch, die es natürlich angesichts des Geisteszustandes dieses Mannes noch zu verifizieren gilt: der Mann behauptete, die Orthodoxe Kirche sei inzwischen ein Staat im Staate. Für jede noch so kleine Seelendienstleistung müsse bezahlt werden. Die Priester, die oft privat kassieren, seien die reichsten Menschen des Landes. Und da für die Priester kein Zölibat gilt, gebe es keine Spur von Nachwuchsmangel.

 

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Das Holocaust-Mahnmal in Bukarest.

 

Dass die Kirche über enorme Macht verfügt, kann ich mir gut vorstellen. Nicht nur die zahllosen sanierten oder neu gebauten Kirchen lassen das vermuten (Teilweise dachten wir, es gäbe in den rumänischen Baumärkten so etwas die einen Dorfkirchenbausatz aus Betonfertigteilen). Auf dem riesigen Areal des Parlamentspalastes wurde mit dem Bau der angeblich größten Orthodoxen Kirche des Landes begonnen.

 

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Die Fundamente sind fast fertig und neben der Baustelle steht ein nicht gerade kleines hölzernes Provisorium.

 

Das sahen wir, als wir dem Museum für zeitgenössische Kunst einen Besuch abstatteten. Dieses ist als einziges modernes Element in die Westseite des Palastes eingelassen und präsentiert wechselnde Ausstellungen. Von der Terrasse des Cafes hat man einen weiten Blick auf das Bukarester Häusermeer.

 

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Katastrophal ist jedoch die Erreichbarkeit des Museums. Die nächste Bushaltestelle ist 400 m vom Eingang (dem einzigen) entfernt. Taxis dürfen nicht direkt bis zum Museum fahren, weil es auf dem Parlamentsgelände liegt. Streng bewachte Kunst und ob der Moderne möglicherweise etwas auf Distanz zum Volke gehalten. So unser Eindruck.

 

 

Nach Budapest haben wir den Nachtzug genommen. Liegewagen im Viererabteil. Und wir hatten Glück mit der Besetzung, denn mit uns fuhr Steen, ein farbigen Mitvierziger aus dem USA, geboren in Trinidad. Ein weltgewandter sehr sympatischer Mann, der bei der Armee als Zivilbeschäftigter arbeitet und in seinem Leben bereits einiges gesehen hat, u.a. Afghanistan und Kirkistan. Mit Steen, ebenfalls Interrailer haben wir uns sehr angenehm unterhalten. Ein Obama-Fan, mit dem wir uns möglicherweise noch einmal treffen werden, wenn er während seiner Reise in Berlin ist.

 

 

In Budapest bezogen wir Quartier im alten, und man kann glücklicherweise fast wieder sagen – neuen – jüdischen Viertel, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Dieses Viertel war unsere Entdeckung im vergangenen Jahr, als wir die frisch restaurierte große Synagoge besucht haben.

 

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Seit dem hat das Quartier einen bemerkenswerten Sprung nach vorn gemacht. Zahllos Kneipen, Clubs, Cafes und Restaurants haben eröffnet, schicke kleine Boutiquen. Von koscher bis erotisch ist alles vertreten.

 

Eine weitere Synagoge, die wir im vergangenen Jahr noch verfallen und verriegelt antrafen, wir gerade aufwändig saniert.

 

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Als wir gegen 14.00 h unser Hotelzimmer beziehen konnten und uns frisch geduscht etwas hingelegt hatten, gab es noch ein besonderes Erlebnis: einen Feueralarm. In der 2. Etage (wir waren in der 4.) brennt ein Zimmer, erfuhren wir nach einer weile von den Nachbarn auf den Balkonen. Draußen auf der Straße totale Bambule, aufgeregte Massen. Im Flur roch es nach verbranntem Kunststoff. Zwar hatte ich den Feueralarm im Halbschlaf gehört, aber im Hotel blieb es merkwürdig ruhig. Keiner klopfte an unsere Tür, kein Lärm auf den Fluren.

 

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So blieben wir denn halbwegs entspannt auf unserer Loge stehen und wurden etwas ruhiger, als nach einer gewissen Zeit die an die Hydranten abgeschlossenen Schläuche immer noch schlaff waren. Offenbar ein Kabelbrand, der ohne großen Aufwand bekämpft werden konnte. Und tatsächlich war nach einer halben Stunde alles vorbei.

 

Claudia und Simon sind in der Nachmittagsglut auf dem Hotelzimmer geblieben. Mir hat das quirlige Budapester Straßenleben keine Ruhe gelassen und ich bin – zum letzten mal während dieser Reise – mit der Kamera losgezogen um einige Eindrücke einzufangen.

 

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Dann noch ein gemeinsamer Spaziergang in der Dämmerung. ein kleiner Forintvernichterabsacker, und nun sitzen wir bereits im Zug nach Berlin. Tschüss, liebe Leser. Jetzt kommt als letzter Beitrag der Versuch eines Fazits. Wieder mal. Siehe oben in der Menüleiste.

 

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Tokaj

Es ist verblüffend, wie fern sich die Länder der EU sind, die unmittelbar aneinander grenzen. Gewiss gibt es da Unterschiede. An der niederländischen Grenze im Nordwesten Deutschlands, in Gronau, fahren wieder Züge in das benachbarte Enschede.

 

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Krass war es dagegen gestern wieder an der Grenze zwischen Slowakei und Ungarn. Wir fuhren mit einem kleinen Dieseltriebwagen in dessen Anhänger (mit Panoramablick am Zugende) bis in den slowakischen Grenzort Turna nad Boudva. Dort war dann definitiv Schluss. Kein Bus, kein Taxi in diesem winzigen Ort.

 

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So trabten wir erst mal mit unserem Gepäck in die Mitte des Ortes. Unterwegs haben wir gefragt, ob es nicht vielleicht doch einen Bus gibt in das 8 km entfernte ungarische Dörfchen Turnadarsa. Nichts.

 

Dann haben wir begonnen, Autofahrer anzusprechen. Allgemeines Schulterzucken, wir haben ja auch ein bisschen viel Gepäck dabei und sind einfach zu dritt. Dann beim 4. Versuch vor der Post endlich Erfolg. Ich spreche zwei junge Männer in einem Kombi an und winke mit 10 €. Einiges Zögern, keiner versteht die Sprache des anderen. Dann rennt einer der Männer in die Post und kommt mit einer Frau wieder, die sehr gut deutsch spricht. Sie klärt mich erst mal auf, dass für 10 € nix läuft und ich schon mal einen Zwanziger hinlegen muss. Ich willige ein und sie beginnt, die immer noch zögernden Jungs zu bearbeiten, bis diese schließlich einwilligen, die Tour zu machen. Wir steigen erleichtert ein.

 

Doch dann beginnen neue Probleme: kurz hinter der slowakischen Grenze verlieren die beiden die Orientierung. Ich zücke mein iphone und schalte die Kartenfunktion ein. Sie schauen da drauf und wenden plötzlich, fahren zurück, auf irgendeinen asphaltierten Feldweg in das Nachbardorf. Dann müssen sie halten und fragen. Wir können mangels Sprachkenntnissen nichts erklären, sitzen hilflos im Fonds des Wagens. Es geht weiter und plötzlich stehen wir wieder an der gleichen Stelle hinter der slowakischen Grenze, an der der Wagen wendete. Jetzt konnte ich die beiden aber überzeugen, einfach weiter Richtung Ungarn zu fahren. Und siehe da, neben uns verlief die Bahnstrecke und endlich waren wir vor dem Bahnhof vom Turnadaska, dem ungarischen Grenzort.

 

Wir waren erleichtert, übergaben die sauer verdienten 20 € an unsere Chauffeure, wobei sich noch herausstellte, dass der Fahrer, den man auch für einen Roma hätte halten können, aus Syrien stammte – so klein ist die Welt.

 

Nun standen wir gemeinsam mit etwa 10 aufgeregten Roma-Kindern auf einem winzigen, aber durchaus gepflegten Bahnhof. Und wieder eine Überraschung: der junge Stationsvorsteher sprach fließend deutsch. Was macht ein junger Mann mit derart guten Fremdsprachkenntnissen auf einem winzigen Dorfbahnhof? „Nun ja“, erklärt Tibor, „ich studiere Soziologie und Demographie. Meine ganze Familie arbeitet seit zwei Generationen bei der Eisenbahn. Und hier fahren so wenig Züge, da hab ich zwischendurch sehr viel Zeit zum Lernen.“ „Aber so ein Dorf – das ist doch nichts für ein Studentenleben!“ erwidere ich. „Ich habe ja hier im Bahnhof auch eine kleine Wohnung, in der ich mit meiner Freundin lebe. Aber das Dorf ist schon ein wenig kaputt. Hier leben inzwischen 40 % Roma. Die Kinder gehen einfach nicht zur Schule, wenn das Wetter schön ist. Die Eltern bekommen 80 € im Monat, das reicht gerade so zum Leben, wenn man keine Miete zahlen muss. Mehr wollen die eben nicht.“

 

Und tatsächlich bekamen wir kurz darauf einen kleinen Eindruck von den Zahlenverhältnissen. Der Zug fuhr ein und heraus strömten etwa 50 Kinder und Jugendliche, die offenbar von einer Ferienfahrt zurück kehrten. Freudige Brgüßung durch die auf dem Bahnhof wartenden Roma, dann war außer dem Tuckern des Zuges nichts mehr zu hören.

 

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Aber statt die 8 km weiter zu fahren, die es bis in die Slowakei sind, blieb der eingefahrene Zug einfach eine gute halbe Stunde im Bahnhof stehen. Eine gute Gelegenheit für ein Porträt von Tibor in voller Montur.

 

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Dann tauchten zwei Nonnen auf mit Fahrer und einer Frau, die offenbar eine Aufenthalt im nahe gelegenen Kloster hinter sich hatte. Eine der Nonen sprach deutsch und wir kamen etwas ins Gespräch. „Ja, früher, da gehörte Kaschau (Kosice) ja noch zu Ungarn! Da fuhr die Eisenbahn noch durch.“ „ Vor dem Vertrag von Trianon“ schaltete sich die Klosterbesucherin ein, „da konnte man mit der Eisenbahn überall in Ungarn herumfahren, richtige Rundreisen konnte man machen. Jetzt ist Ungarn viel kleiner! Und alles konzentriert sich auf Budapest.“ „Seien wir doch einfach froh, dass die Grenzen immer durchlässiger werden“ , wandte ich ein, „und vielleicht fährt ja eines Tages auch wieder ein Zug von einem Land ins andere.“

 

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Irgendwann ratterte dann auch der Zug nach Miscolc endlich los. Dort angekommen stiegen wir in den Schnellzug, der erstaunlicherweise in dem 5.000-Seelen-Dorf Tokaj hält. Dort fanden wir wenige Schritte vom Bahnhof entfernt ein sehr preiswertes Appartment.

 

Tokaj hat uns neugierig gemacht wegen des berühmten Weines. Das Dörfchen ist offenbar auf Bustourismus eingestellt. Als wir aber ein wenig durch den Ort schlenderten, war der Rummel schon vorüber.

 

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Die abendliche Theiß.

 

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Die Nacht war dann wiederum stark vom Thema Eisenbahn geprägt. Auf der elektrifizierten Strecke ratterten doch eine ganze Menge Züge vorbei. So gut es für den nächsten Morgen war, einen kurzen Weg zum Bahnhof zu haben, so merkwürdig war doch das Gefühl, akkustisch gesehen direkt neben dem Gleis zu schlafen. Simon fühlte sich gleich an die berühmte Hotelszene aus dem Film Bluesbrothers erinnert. Hier unser Frühstücksplatz, verkehrsgünstig gelegen.

 

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