Von Meru nach Thika

Der Wahltag in Meru ist geräuschlos über die Bühne gegangen, zumindest in dieser Stadt. Im Westen und in Nairobi hat es dagegen die befürchteten Krawalle gegeben. Alle im Hotel haben gebannt in die zahllosen Fernseher geschaut, wo auch immer die hingen.

Freitag 27.10.17

Die Gegend um Meru ist bekannt für den Kaffeeanbau, wenngleich es in Kenia an vielen Orten Anbaugebiete gibt. Eine Kaffeefabrik und eine Plantage wollte ich unbedingt besuchen. Das „House of Coffee“ in Meru, entpuppte sich allerdings als schnöder Bürokomplex. Als gebe ich bei der Umgebungssuche von Google maps „coffee factory“ ein, und siehe da, an unserer geplanten Route nach Emru liegt eine am Weg. Der Weg dorthin erweist sich allerdings als recht mühsam. Und als wir ankommen, ist von Fabrik nicht viel zu sehen. Das Gelände mit einigen Schuppen wird wohl nur noch selten für die Produktion genutzt. Außerdem hat der Präsident schon wieder einen Feiertag ausgerufen, kaum jemand da, und der Chef schon gar nicht.

Nächster Versuch einige Kilometer weiter. Wir haben Glück. Der Chef, James, ist da, er ist sehr freundlich, zeigt uns das ganze Anwesen, erklärt die Schritte der Produktion und Verarbeitung, wirft uns zu Ehren sogar mal die einzige Maschine (zum Schälen der Kaffeekirschen) an. Die Fabrik gehört einer Kooperative aus 1.200 Kafeebauern. Und einen solchen will ich auch porträtieren.

James telefoniert ein wenig, dann steigt er zu uns ins Auto und wir fahren die kurze Strecke bis zur Farm von Lorenz. Lorenz wird uns von James als sehr erfolgreicher, innovativer und fleißiger Mann vorgestellt. Auf dem Hof stehen neben dem recht bescheidenen Haus gleich drei Autos. Lorenz erklärt uns, wie er auf seinen Beeten, die an einem steilen Hang liegen, verschiedene Pflanzen und Sträucher mit den Kaffeesträuchern mischt. Optimale Nutzung der Flächen und Vegetationsperioden und viel Öko ist hier angesagt. Aber Öko, so viel entnehme ich seinen Worten, ist hier auch schon, wenn man nicht mehr Dünger einsetzt als unbedingt erforderlich. Interessant ist es trotzdem: wird ein neuer Kaffeestrauch gesetzt, wird zunächst ein Loch gebuddelt, welches dann mit Kuhdung gefüllt und leicht mit Erde bedeckt wird. Um ein Haar wäre ich in so ein Ding reingetreten. Erst nach einer Weile wird dann der Steckling gesetzt. Lorenz drückt uns zum Abschied noch ein Dutzend Passionsfrüchte in die Hand. Dann fahren wir weiter.

Die Gegend ist bergig und felsig. Und am Straßenrand ist Gelegenheit für ein weiteres Motiv: Steinklopfer. Es klappt nicht beim ersten Versuch, die Ausübenden dieser eher niederen Tätigkeit zu Bildern zu überreden, aber immerhin beim zweiten. Der Chef ist grade mit dem Auto und einem Kunden da, um frisch geklopften Split zu einer Baustelle zu fahren. Fünf Steineklopfer sitzen im Halbkreis und pochen apathisch vor sich hin, große Brocken zu Split. Jeder hat einen Stein als Amboss, darauf ein Metallring aus gebogenem Stahl, damit die Splitter nicht überall in der Gegend herumschwirren, in der anderen Hand eine Art Fäustel.

Als wir in Emru ankommen, stellt sich das avisierte Hotel als nicht optimal heraus. Direkt an der Straße, ohne bewachten Parkplatz. Nachdem wir eine gute halbe Stunde vergeblich nach Alternativen gesucht haben (Emru ist eine Art Provinzhauptstadt mit eigener Universität), entschließe ich mich, einfach weiter in Richtung Nairobi zu fahren. Schließlich taucht vor uns ein imposanter Gebäudekomplex inmitten endloser Reisfelder auf. Die Reisfelder und die Reismühle, die in einiger Entfernung steht, interessieren mich natürlich. Also fahren wir auf das Gebäude zu. Es ist ein mehrgeschossiger Bau mit Restaurant, Kaufhalle, Tankstelle, Reifenwerkstatt, Apotheke und, ja, auch Übernachtungsmöglichkeiten. Die Zimmer sind günstig, aber ok, also checken wir hier ein und essen wenig später zu Abend.

Am nächsten Morgen überreden wir als erstes den Apotheker zu einem Porträt. Er hält zunächst einen langen Vortrag zur politischen Situation. Er ist empört über die nach seiner Meinung alle von der Opposition bezahlten Demonstranten.

Dann laufen wir zur Reismühle. In der großen Halle sitzen Frauen, die uns sogleich mit Reisangeboten überfallen. Ich zeige auf einen großen Sack „Den würde ich gern meiner Frau mitbringen!“ Sie lachen. Dann kaufe ich wenigsten 500g. Glücklicherweise ist auch der Manager da. Be erzählt uns von den Schwierigkeiten des Reisanbaus in Kenia. Bis 1994 hatte der Staat das Monopol mit nur wenigen Reismühlen. Dann gab es eine Liberalisierung und die Reismühle, in der wir uns befinden, war eine der ersten, die den Bauern günstigere Preise anbieten konnte. Investor ist ein mutiger Mensch, der leider nicht anwesend ist. Dann mache ich ein Porträt, und Ben, der Manager, steht auf der großen chinesischem Maschine. Dann kommen noch Bens Enkel, seine Frau, seine Tochter. Es ist eine herzliche Situation.

Von der Mühle laufen wir über einen Feldweg in die Reisfelder. Philip gelingt es mal wieder, einen recht zögerlichen Bauern zu einem Porträt zu überreden. Er berichtet, dass die Reisfelder zwar unter Wasser stünden, aber insgesamt sei die Ernte aufgrund der Trockenheit schlecht ausgefallen. Die Trockenheit: das hören wir fast überall. Und da es nun seit drei Jahren zu wenig regnet, denke ich, sind wir hier wohl mit den Folgen des Klimawandels konfrontiert.

Zurück zur Multifunktionstankstelle. Dort möchte ich gern ein Bild von der beeindruckend großen Reifenwerkstatt machen. Der Chef ist etwas mürrisch. Erst muss er noch den Lkw fertig machen, der grad aufgebockt ist. Wir sind geduldig. Aber es zieht sich. Inzwischen beobachte ich, wie der Fahrer eines Motorradtaxis seine Kette schmiert. Mit der Ölkanne kleckert der den gesamten gepflasterten Hof voll, indem er sein Motorrad während des Schmierens mit einer Hand schiebt, damit er auch alle Teile der Kette erreicht. Niemanden kümmert das hier. Nicht mal ans Aufwischen der Ölspur denkt der Mann.

Endlich ist der Meister fertig. Foto? Da müssen wir erst mal den Manager fragen. Hm, das hätte er uns auch schon vor einer halben Stunde sagen können. Aber der Manager wird geholt. Ja, sagt er, Foto, da muss ich erst mal den Eigentümer fragen. Aber der sitzt zum Glück im Restaurant und er kann uns hinbringen. Wir nehmen an einem Tisch Platz, dann kommt nach einer Weile Charles. Ich trage mein Begehr vor, er schaut sie sich die Bilder an und ist einverstanden. Wir kommen ins Gespräch. Es stellt sich heraus, dass ihm der ganze Laden, und zwar alles, gehört. Er gibt mir seine Visitenkart und sagt: „zeig die einfach den Leuten, wenn Du hier irgendwo fotografieren willst. Wenn einer meckert, ruf an.“

„Aber von Ihnen will ich natürlich auch ein Porträt machen.“ sage ich. Und dann geht es los. Ca. 3 Stunden lang marschieren wir durch die Welt von Charles, dem Bauernsohn, der zum erfolgreichen Investor wurde. Er möchte an jeder Station porträtiert werden. Vor dem Reifenservice, vor dem großen Pool, der zum Hotel gehört, in seiner Bäckerei, in seiner Reismühle, die selbstverständlich die größte ist, in der Halle, in der er mal eine Brauerei betrieben hat, bevor ihm dafür die Lizenz entzogen wurde, vor der Hüpfburg seines Vergnügungsparks, in seiner Wasserabfüllfabrik mit dem großen Osmosefilter. Während wir laufen und reden, verspreche ich, mich in Deutschland nach einer gebrauchten Wurstmaschine umzuschauen für seine Fleischerei, nach gebrauchten Geräten für das Fitnesstudio seines Sohnes. Es geht vorbei an seinem Mercedes. „Chinesisches Zeug“, sagt er, „will ich hier nicht mehr sehen.“ Und er zeigt auf drei Pressen, die aus Reisspelzen Briketts machen sollten, und die nie funktioniert haben.

Ein Teil von Charles Reich

Dann werden wir alle drei zum Essen eingeladen. Mit zu Ehren gibt es zwei riesige Schweineschnitzel. Während des Essens telefoniert er unaufhörlich. Er verbindet mich mit einem Menschen, der mir für 100 € diverse Bilder zum Reisanbau verkaufen will. Ich lehne höflich ab. Dann schlägt er vor, noch seinen Freund im Nachbarort zu besuchen. Der handelt mir Agrochemie aller Art. Klar, machen wir.

Am späten Nachmittag brechen wir endlich auf nach Thika, einer Stadt ca. 50 km vor Nairobi.

Diesmal finden wir das Hotel, welches booking.com empfiehlt, relativ schnell. Es gibt eine kleine Diskussion wegen der Zimmer und der Preise. Was uns angeboten wird liegt einiges über dem, was booking.com offeriert. Nach einigem hin und her zücke ich mein Telefon, drücke auf „Zimmer buchen“, die Buchung wird wenige Sekunden elektronisch bestätigt, und die Diskussion um den Preis ist beendet. Es stellt ich dann heraus, dass die Leute an der Rezeption nicht verstanden habe, wieso ich meinen kenyanische Freunden das schicke Doppelzimmer im Neubau überlassen will, während ich mich mit einem Einzelzimmer im Altbau begnüge.

Abends essen wir etwas in einem Restaurant in der Nähe. Auf dem Fernsehen die Nachrichten zur Wahl. Eigentlich sollten heute die Wahlen in den vier Provinzen im Westen wiederholt werden, in denen Oppositionskräfte die Wahllokale blockiert haben und in denen die Wahlbeteiligung zu niedrig war. Diese Nachwahl wurde auf unbestimmte Zeit verschoben. Statt dessen stellt sich heraus, dass die Summe der auf die Kandidaten entfallenen ausgzählten Stimmen höher ist, als die Zahl der Wahlberechtigten. Ratlosigkeit bei der Wahlkommission, schweigen bei der Regierung, empörte Bürger wollen endlich ihre Ruhe haben, wollen wieder normal ihren Geschäften nachgehen, wollen dass der Schulbetrieb (Prüfungen stehen an!) wieder aufgenommen wird. Das kann zu einem spannenden Montag führen.

Eigentlich möchte ich alle Bekannten in Nairobi noch mal zu einem Abschiedsdinner einladen, und zwar in Richards Restaurant gegenüber dem Hotel, in dem ich bei der Anreise übernachtet habe. Das allerdings liegt nur wenige Straßen neben dem Büro der staatlichen Wahlkommission. Auf Straßensperren oder -schlachten dort in der Nähe habe ich keinen Bock. Schließlich buche ich zunächst mal ein Hotel in Flughafennähe, 10 km entfernt von der City und auch weit genug weg von Slums, in denen es ebenfalls brenzlig werden könnte. Was morgen läuft, entscheide ich nach Nachrichtenlage.

Auf dem kurzen Weg nach Nairobi den Tank noch mal bis zum Anschlag füllen. Dann fahren wir auf der Autobahn durch nicht enden wollende Vororte mit imposanten Wohnhäusern. Hier residiert die neue Mittelschicht in gated communities. Dann Industriegebiete bis zum Abwinken. Auch eine Batterie Rotorblätter für Windturbinen sehe ich neben einer schicken Produktionshalle auf einem Lagerplatz liegen. Kenias Wirtschaft boomt, spätestens beim Durchqueren dieser Orte wird das klar. Es ist nur alles etwas chaotisch organisiert, nix mit Bebauungsplänen und Erschließungsstraßen.

Jetzt sitze ich im Hotel, habe akzeptables WLAN und im Fernsehen, wo ich eigentlich Nachrichten gucken will, läuft eine Kochshow.

Nach gut 80 Porträts in knapp vier Wochen endet hier mein Tagebuch. Ich bin zufrieden, habe mein Budget nicht wirklich ausgeschöpft, nichts Wichtiges ist verlorengegangen, meine Hassi hat treueste Dienste geleistet, wenn sie auch manchmal unter der Hitze gelitten hat. Jetzt freue ich mich auf meine Claudia, meine Söhne und viele Freunde in der Heimat. Und auf die nächsten Projekte.

Nyahururu – Nyeri

 

Als ich am Sonntag (22.10.) bei Auschecken bin, spricht mich ein Kerl im Hoody an, wie es mir gefallen hätte, wo ich herkomme usw. Nach kurzer Zeit stellt sich heraus: es ist der Hotelmanager. Ich sage meinen Freunden draußen Bescheid und schnell machen wir noch ein Porträt im Salon.

Dann ab auf die Piste. Der Regen lässt nach und bald fahren wir mit lichter werdendem Himmel über die Hochebene beim Aberdere Nationalpark.

Die Landschaft ist relativ dünn besiedelt, außer Landwirtschaft passiert kaum viel. Dann plötzlich am Straßenrand ein aberwitziges Bauwerk. Ein völlig verwinkeltes Haus und auf dem Dach zwei recht dilettantisch simulierte Flugzeugrümpfe, Stahlgerippe mit Lkw-Planen bespannt. Ein Restaurant. Und Art brut vom Feinsten. Das wollen wir alle drei fotografieren. Dann taucht sogar die Besitzerin auf. Von der will ich natürlich vor ihrem Werk ein Porträt machen. Aber sie winkt ab, will sich erst umziehen. Na gut, trinken wir halt erst mal einen Tee. Die Frau zeigt mir das ganze Haus, ein wilder aber durchaus gekonnter Stilmix. Ich bin begeistert und des Lobes voll angesichts derartiger Kreativität. Dann sitzen wir und warten, der Tee längst getrunken, die Rechnung bezahlt, die Madam kommt einfach nicht. Schließlich erfahren wir von ihren Angestellten, dass sie durch den Hinterausgang Richtung Kirche geflüchtet ist. Der Gottesdienst ist nicht vor drei Stunden zu Ende. Fluchend ziehe ich von dannen, das wäre ein richtig gutes Bild geworden.

Immerhin gibt es auf der Strecke recht imposante Landschaften bei guter Fernsicht zu sehen. Immer wieder halte ich an und kann die entsprechende Bitte inzwischen auch auf Kisuaheli aussprechen, denn während der Fahrt machen wir immer wechselseitige kleine Sprachkurse.

Unser Ziel ist die kleine Stadt Nyeri am Südwestrand des Mount Kenya. Das Hotel ist chic und wir gönnen uns erst mal eine kleine Mittagspause. Dann will ich – es ist Sonntagnachmittag – mit meinen Freunden noch eine kleine Wanderung machen. Die Gipfel um die Stadt reizen mich. Doch wir müssen erfahren, dass dies alles gesperrte Reservate sind. Zutritt verboten. Letztlich empfiehlt man uns noch einen zugänglichen Bereich außerhalb der Stadt. Den finden wir auch. Allerdings ist das nicht mehr als ein mit Stacheldraht und Elektro eingezäuntes größeres Stück Wald mit einigen Lichtungen und Funktionsgebäuden, eine Art Zoo, in dem einige Tiere frei herumlaufen, andere in Käfigen eingesperrt sind. Dort führt uns ein Guide eine Stunde lang herum, das wars. Nix mit freiem Wandern in der Natur. Aber mir wird auch klar, warum das so ist. Wald und freie Natur sind für die Kenianer, die sowieso zu 80% auf dem Land leben und in der Landwirtschaft arbeiten, völlig banale Dinge. Der Wald dient, wenn er nicht eingezäunt ist, als Weide und zur illegalen Herstellung von Holzkohle. Daher auch die Absperrwut der kenianischen Wildhüter.

Der Montag beginnt mit Klinkenputzen in den größeren Betrieben der Stadt. Bei CocaCola und den Highland Waters sprechen wir vor. Bei Colas bekommen wir sofort eine Absage. Bei den Wasserflaschenwerken sollen wir dem Chef eine E-mail schreiben, vielleicht morgen dann. Aber im „Gewerbegebiet“ gibt es ja noch viele kleine Firmen. Glück haben wir bei einem Metallmöbelbauer, einem kleinen Lebensmittelhändler, einem Händler für Lacke und Farben, der die Farben computergesteuert mischen kann, bei einem Metallbauer, der auch Lehrer und Restaurantbesitzer ist, und beim Augenoptiker. Absagen bekommen wir von der Apotheke (Chef nicht da), der wilden Autowaschanlage (Schlauch und unbefestigtes Grundstück, das wars, Chef auch nicht da), bei der nicht ganz so wilden anderen Autowaschanlage 200m weiter (Chef will auf kein Bild drauf), bei den Kumpels von der Baustelle (Bauherr will keine Fotos).

Und dann machen wir noch ganz viele vage Verabredungen für den nächsten Tag. Abends dann ein Spaziergang durch das Stadtzentrum. Ein irres Gewühl von Autos, Motorrädern, Menschen und Schafen. Die ganzen Fußwege voll mit Leuten, die irgendwelchen Krimskrams verkaufen wollen. Interessante Motive, aber nicht so die Nerven für ein Porträt. Philip marschiert in solchen Situationen übrigens immer einen Meter vor mir, Gregory 2 m hinter mir. Und den Schlenkschen Familienpfiff nutzen wir auch schon.

Am nächsten Morgen (Dienstag, 24.10.) fotografiere ich gleich um 08.00 h das coole, gelbschwarz karierte Auto von der Fahrschule nebst Chef. Der Termin bei den Wasserflaschenwerken ist erst um 10.30 h. Am Tag zuvor habe ich noch eine recht ermutigende E-mail vom Chef bekommen, also noch mal ins Hotel. Der Wasserchef gestattet zwei Bilder, freut sich über schnelle Arbeit, wir freuen uns über eine schnelle Entscheidung. Dann ab in die City.

Etwas schickere Klamottenläden stehen heute auf meiner Agenda. Ich will ja nicht immer nur Armut und Improvisation zeigen. Der Herrenausstatter lässt uns eine Dreiviertelstunde im Laden stehen und bedient einen Kunden nach dem anderen. Dann hat er endlich Zeit. Philip baut das Licht auf, ich knipse und weiß schon sehr genau, wen ich wo hinstelle und welche Perspektive ich wähle. Der Inhaber ist erfreut ob unseres Arbeitstempos, und ihm gefallen auch die Bilder.

Im Laden nebenan ist die Chefin immer noch nicht eingetroffen, auch nicht zu erreichen, also kein Bild. Auch der Anwalt, der um 12 h da sein wollte, um uns mit in seine Kanzlei zu nehmen, lässt sich nicht blicken.

Ab in den nächsten Laden. Schmuck und Fummel. Die Chefin ist perfekt gekleidet und dekoriert. Aber meine Komplimente versagen. „Kommen Sie mal gegen 17 h wieder.“ (Das hat sie gestern schon gesagt). Ich lasse nicht locker und klappe meinen Laptop auf mit den fertigen Porträts. „Na gut“, sagt sie, „dann lieber gleich jetzt. Was zahlst du denn?“ Ich erkläre Ihr, dass ICH normalerweise der bin, der bezahlt wird und nenne ihr mal deutsche Preise für ein Porträt. Da lenkt sie ein. Der letzte Frost in ihren Blicken schwindet in Anbetracht der überreichten Damenstrumpfhose. Jetzt ist sie ganz aus dem Häuschen und räumt den halben Laden um, damit das Bild gut wird. Alles schön, alles schick.

Wir gehen was essen und dann in die Anwaltskanzlei drei Straßen weiter, mit der wir uns am Tag zuvor verabredet haben. Die Chefin hat uns gestern empfangen, einen Termin für 14 h vorgeschlagen und gefragt, ob ich nicht gleich die ganze Kanzlei durchporträtieren kann. Mach ich natürlich gern für meine Kolleginn/en. Tatsächlich wollen alle vier Anwesenden ein Bild. Wir reden zwischendurch über die Juristerei in beiden Ländern, Mandanten, Kooperationspotenziale. Die Leute sind zufrieden. Dass sie das Bild gleich auf dem Laptop sehen können, finden alle klasse und das sorgt für Lockerheit.

Nachmittagspause, wieder ins Hotel.

Abends will ich noch mal in die Stadt. Das nächtliche Treiben (Hier beginnt die Nacht schon um 18.30 h, denn in Äquatornähe wird es um diese Zeit stockdunkel.) hat mich fasziniert. Noch ist Tageslicht und wir machen einen Spaziergang am Rande eines Slums. In dieser absolut nichttouristischen Stadt bin ich DER eye-catcher. Aber alle sind freundlich zu mir, wir lachen viel, ich werde oft gebeten, einfach so mal ein Bild zu machen. Der Hammer für mich: Autowracks unterschiedlicher Größe, die zu winzigen Lagerräumen, ja sogar Büros umfunktioniert wurden. Statt der Fesnterscheiben gibt es eingeschweißtes Blech, an den Türen Vorhängeschlösser.

Vor einem Brillenladen, in dem es auch Uhren, Schmuck und Pokale gibt, bleibe ich stehen. Er ist nicht größer als ein Seecontainer und sieht von außen auch so aus. Der Chef winkt mich rein und schon sind wir im schönsten Fachsimpeln über Brillen, Gläser, Augenmacken usw. Natürlich darf ich ein Bild machen. Und ich soll auch mit nach hinten kommen, wo auf geschätzten 2 qm das Gerät für die Augenvermessung steht. Dann unterhalten wir uns über Unternehmertum an sich. Und er schleppt uns prompt noch zu einem Laden für Consumer-Elektronik, der ihm auch gehört, ebenso winzig. Hinter dem Tresen steht die Marketingchefin. Eine schlaue Frau, die, wie er mir später noch sagt, ganz entscheidend für das Wachstum der Firma ist.

Schluss für heute. Im Hotel warten noch einige Vertragstexte auf die Durchsicht. Bilder müssen an die Models gemailt werden usw.

25.10.17

Heut sind wir nach Meru gefahren. Fällt der Name dieser Stadt, grinsen die Kenianer regelmäßig, denn der Ort ist bekannt für die Produktion des Rauschmittels Kath.

Wieder geht es durch tolle Landschaften entlang einer verwaisten Bahnstrecke. Fantastische Wolkenbilder, immer wieder halten wir an. Die Landschaft ist grün und hügelig, an anderer Stelle wieder wie plattplaniert. Es gibt richtig große Felder mit Traktoren drauf.

Heute ist eine außerordentlicher Feiertag. Der Präsident hat Ruhe und Erholung angeordnet, bevor es morgen ans Wählen geht. Da ich morgen das Hotel nicht verlassen werde, ein verlorener Tag mehr. Eigentlich bin ich mit meinen Porträts schon im Kür-Modus. Auch die selbstgesetzte Quote mit nicht so armen Unternehmern und Managern habe ich erreicht. Aber inzwischen sind wir so ein eingespieltes Team, das ich weiterhin jede Gelegenheit nutzen will. Philip ist mein Assistent. Er spricht die Leute zunächst mal kurz auf Kisuaheli an, dann übergibt er mir das Wort und ich erkläre auf Englisch, was ich will. Er streut Kisuaheli-Sätze ein, falls das Gegenüber nicht so fit in Englisch ist. Vermutlich lobt er mich auch ein wenig. Gregory bewacht so lange das Auto. Inzwischen spricht aber auch er Leute an und fragt nach interessanten Unternehmen.

Einige Kilometer vor unserem Ziel sehen wir eine Baustelle voller Bauarbeiter. Die will ich unbedingt vor die Linse haben. Bauarbeiter fehlen noch in meiner Sammlung. Wir haben Glück, die Chefin ist auf der Baustelle und ist einverstanden. Die Bauarbeiter frotzeln ein wenig herum, Muzungu und so… Da schnappe ich einem die Schippe weg und lege los. Erst am Sandhaufen, dann an dem mit dem Schotter. Ich fülle mit meinen neuen Kollegen alte Plastikeimer, die von Trägern zum Betonmischer geschleppt werden. Auf dieser Baustelle gibt es sogar eine Art Kran, mit dem der Mörtel auf das erste Obergeschoss gehoben wird, welches gerade betoniert wird. Alle lachen und staunen, es gibt eine tolle Stimmung und Philip knipst mich mit meinem Iphone.

Ein wenig weiter kaufen wir Bananen, und zack, darf ich gleich noch die Tischlerei nebenan fotografieren.

In Meru habe ich uns wieder ein Hotel mit Pool gegönnt. Die letzten drei Tage war ich vor dem Frühstück immer schwimmen. Das will ich trotz der morgendlichen Kühle auch die nächsten Tage so halten. Ich will die Wahltage aber auch in solider Umgebung aussitzen, denn morgen mache ich einen Bürotag.

Heute Nachmittag dann noch ein kleiner Ausflug in die Umgebung des Hotels. Porträts in der Schweißerwerkstatt, bei einer Bestatterin (!) und in der Pizzeria. Philip und Gregory haben zum ersten mal in ihrem Leben Pizza gegessen. Und ich freue mich über die Abwechslung nach drei Wochen kenianischem Einheitsbrei.

Heute hat der oberste Gerichtshof irgendeine Petition abgelehnt, weil einer der drei erforderlichen Richter keinen Flug nach Nairobi bekommen hat. So kann man das Volk auch wuschig machen. Draußen gießt es in Strömen, vielleicht ganz gut für erhitzte Gemüter. Ich bin 250 km von Nairobi und noch weiter von Kisumu und Mombasa entfernt. Das Auto ist vollgetankt. Und wir sitzen hier mitten im verschnarchten Kenyatta-Land. Philip meint, hier gäbe es keine Opposition und demzufolge auch keinen Stress. Mal sehen.