Tartu die 2.

Wir wären ungerecht, ließen wir das zuvor Geschriebene einfach so stehen. Es würde Tartu in einem all zu tristen Licht erscheinen lassen.

 

Die Stadt hat 100.000 Einwohner und darunter sind ca. 18.000 Studenten, die an der wichtigsten Universität Estlands studieren. Gerade ist mit EU-Mitteln alles bestens saniert worden. Die Antikensammlung im Museum der Universität ist auch montags geöffnet, so dass wir eine Besichtigung machen.

 

Hier vie Venus von Neonröhre:

 

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Hier die heiligen Bewacher des Kachelofens:

 

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Es gibt gerade eine Sonderausstellung mit historischen Photogravuren und einigen Heliogravuren zu sehen. Passend zu dieser alten photografischen Reproduktionstechnologie ist mitten im Raum eine große, begehbare Camera Obscura aufgebaut. Simon hält ein Blatt Papier in die Schärfeebene und der provisorische Einlinser lässt eine Bild des davor liegenden Raumes erstrahlen.

 

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Schließlich besichtigen wir auch noch die sehr schöne Aula der Universität. Ich bin ein wenig an Jena erinnert, was die Dimensionen betrifft, aber auch die Tradition, zahllose Denkmale aufzustellen und an den Häuser Plaketten anzubringen, wenn sie einst einem Professor oder anderen Berühmtheiten als Herberge dienten. Wenn schon die Berühmtheiten gehen, sollen wenigstens Denkmäler bleiben in den kleinen Universitätsstädten.

 

 

In einem Spielzeugladen entdecke ich ein unverschämtes Produkt, welches die Kinder ultimativ aufzufordern scheint, die Eltern zu nerven.

 

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Den Nachmittag verbringen wir in einem schönen nostalgischen Cafe. Es gibt fantastische Torten – die „Düsseldorfer Schokoladentorte“ ist ein riesiges Stück Trüffelpraline.

 

Die Kellnerinnen tragen Schildchen: „Opilane“ und „Uina“.  – und ich weiß nicht recht, ob die Schildchen vielleicht doch die kulinarischen Köstlichkeiten bezeichnen, die serviert werden. Alles verleitet sehr zum Naschen.

 

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Außerhalb der Altstadt entdecke ich viele nette Holzhäuschen und ehemalige Professorenvillen, aber auch einen skurrilen Wohnturm.

 

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Bei meinem morgendlichen Spaziergang wird überall gefegt – Fegen und Rasenmähen scheint eine Leidenschaft der Esten zu sein.

 

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Das Ganze passt zu den liebevollen Restaurierungsarbeiten, die jeden noch so kleinen Dorfbahnhof zum Schmuckstück herausputzen.

 

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Inzwischen rollen wir mit der lettischen Bahn durch das Land und sehen den kleinen, aber auffälligen Unterschied zu Estland. Die Schaffnerin kommt nicht mit einem elektronischen Terminal angelaufen, sondern füllt den Fahrschein per Hand aus und stempelt ihn ab. Die Bahnhöfe sind keine schmucken Holzhäuschen mehr, sondern gemauerte Schuhkartons. Aber wir können auch im lettischen Zug mit Euro bezahlen, obwohl hier der Lat gilt. Und das Umsteigen in Valga, der geteilten lettisch-estnischen Grenzstadt, gestaltet sich von einer Bahnsteigseite auf die andere ganz einfach. Und ab geht es wieder – stundenlang durch Birken- und Kiefernwälder, man könnte meinen, man fahre durch Brandenburg….

 

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Tartu

Nun sind wir endlich mal ein Stück mit der richtigen estnischen Eisenbahn gefahren. Auch in den Schnellzug darf man ohne Fahrkarte einsteigen und ganz bequem und ohne Aufschlag an Bord bezahlen.

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Die Zugabteile sind modern und sauber, der Zug rattert ein wenig, aber es gibt keinen Grund zur Klage.

 

Das Fotografieren aus dem fahrenden Zug gelingt ob der geringen Geschwindigkeit nahezu verwacklungsfrei. Die Landschaft ist dünn besiedelt: Wiesen, Wälder, Sümpfe und ab und zu mal ein Dorf. Selbst Felder scheinen die Ausnahme zu sein.

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Aber der Zug fährt nur deshalb so langsam, weil die Gleise recht marode sind oder weil gerade eine der unzähligen Baustellen passiert wird. Die gesamte Strecke, alle Bahnhöfe und auch die kleinen Bahnsteige auf den Dörfern werden gerade mit EU-Mitteln saniert. Das ist gut und mutig, denn der Bus scheint in Estland klar zu dominieren. Das stellen wir zumindest fest, wenn wir mit Leuten vor Ort über unsere Reisepläne sprechen. Kein Wunder, in den Bussen gibt es sogar einen kostenlosen Internetzugang. Aber die Bahn ist sehr günstig und scheint ein wenig aufzuholen.

 

Die 185 km bis nach Tartu haben wir nach gut 2 Stunden geschafft. Dann zockeln wir vom Bahnhof mit unserem Gepäck zum Quartier in der Altstadt. Unsere Pension wird von Finnen bewirtschaftete und ist innen ganz im skandinavischen Stil eingerichtet. Sogar eine Sauna gibt es. Alles ist mit Werken verschiedener zeitgenössischer Künstler dekoriert, in unterschiedlicher Qualität.

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Die Stadt hat nach zahlreichen Zerstörungen in den unterschiedlichsten Zeitaltern (allein im Mittelalter ist sie 55 mal komplett abgebrannt) einige schöne klassizistische Bauwerke erhalten können. Darunter auch das Universitätshauptgebäude und das „schiefe Haus“.

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Die einzige gotische Kirche wurde erst vor wenigen Jahren wieder aufgebaut. Daneben – so könnte man meinen – Breschnjews letzte Rache.

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Es gibt eine Fußgängerzone, die sich wie eine große Entschuldigung durch die Altstadt zieht. Denn städteplanerisch ist der Ort nur zu bedauern: riesige Shoppingmalls, Büromonster und überdimensionierte Hotels neben Magistralen, auf denen die gerade einmal 100.000 Einwohner etwas verloren wirken.

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Einzig das „Schneckenturm“ oder auch „Korkenzieher“ genannte Hochhaus, vor etwa 5 Jahren gebaut, zeugt von planerischem Mut. Das Ufer des Emajogi – ein Fluss, von dem der geneigte Leser bestimmt schon viel gehört hat – wird gerade etwas aufgehübscht.

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Das Wetter ist regnerisch. Morgen geht es weiter nach Riga, wobei wir noch nicht so richtig wissen, wie es nach Valga, der letzten Eisenbahnstation vor der Grenze nach Lettland, weitergeht. Es gibt eine Eisenbahnlinie, die in Lettland weiter nach Riga führt, aber ob es eine Verbindung zwischen beiden Strecken gibt, werden wir vermutlich erst morgen erfahren.