Sankt Petersburg die 2.

Was fällt am heutigen Russland auf? Es ist der überall zur Schau gestellt neue Reichtum. Die Straßen sind voller protziger Limousinen und SUVs, und die Mehrheit der Autos ist neu. Selbst die Polizei fährt mit fettem Heckspoiler.

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Zahllose Boutiquen bieten europäische Haute Couture an und die Damen übertreffen sich gegenseitig mit den schrillsten Stiefeln. Damit diese zur Geltung kommen, trägt man auch bei grimmiger Kälte Miniröcke, Hotpants und höchstens knielange Hosen. Man verziert sich mit Glitzerzeug und diversen Kopfbedeckungen. Mancher Aufzug würde in Deutschland eher dem horizontalen Gewerbe zugeordnet. Hier ist Stillosigkeit zunächst mal geduldetes Programm. Ebenso auffällig ist die Zahl der Schuhreparaturwerkstätten. Sicherlich gibt es auch noch irgendwo in dieser Stadt eine riesige Fabrik für Pfennigabsätze. Denn dass die bei dem Schritttempo und dem Straßenzustand lange halten, kann ich mir nicht vorstellen.

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Bemerkenswert sind die Eingänge der St. Petersburger Häuser. Historische Haustüren wurden durch blechbewehrte und mit elektronischen Schließanlagen versehene Monster ersetzt, die auch in Gefängnissen ihren Zweck erfüllen würden.

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Sankt Petersburg ist an kalten verregneten Novembertagen etwas gruselig. Und wer das Unbehagen steigern möchte, sollte sich durch die düsteren Hofdurchfahrten in die dahinter liegenden Verliese begeben. Kein Baum, kaum Sonne, aber Leuchtreklamen für Reisebüros, Wechselstuben und Dentalfirmen.

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Die Petersburger selbst scheint das nicht zu bedrücken. Schnellen Schrittes stürzen sie über die breiten Fußwege (sofern diese nicht zugeparkt sind) und springen über zahllose Rinnsale, die aus den unten offenen Fallrohren bei Regen über den Weg plätschern. Die unglaublich langen Rolltreppen der Metro bewegen sich schneller in die Tiefe als in Berlin. Und die Türen der Wagons schließen automatisch, nach Fahrplan, gnadenlos.

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Die Menschen sind wichtig in Sankt Petersburg. Überall sitzen Mütterchen, die auf irgendetwas aufpassen. In den Lebensmittelgeschäften wird man an Theken bedient. In einigen Bussen gibt es Schaffner. Es gibt Rolltreppenbedienerinnen, Plakatträger, Zettelverteiler, Schalterbeamte an den Metroeinlässen, Sicherheitsleute, Verkehrskontrolleure, Kerzenwärterinnen in den Kirchen – alle in der jeweiligen Dienstkleidung. Ja, die Russen mögen Uniformen und am heftigsten ist dieser Eindruck, wenn einem Kadetten (also zukünftige Offiziere in voller Montur) im Kindesalter begegnen. In einigen Schulen tragen die Jungen Sakkos, die Mädchen Schürzen.

Die Menschen rauchen viel. Sie spucken und schnäuzen auf der Straße (auch die jüngeren). Man wird aber auch spontan angesprochen, wenn man ratlos den Stadtplan zückt. Die Verkäuferinnen und Kellnerinnen haben ihre Freundlichkeitsseminare offenbar bei Berliner Busfahrern absolviert. Ihren Mund bekommen sie so langsam auf wie wir die schweren Türen zu den Metrotunneln, die für Kinder vermutlich nur in Begleitung Erwachsener überwindbar sind.

An einem Tag wollten wir mit dem Zug nach Repino fahren. Wir hatten die Fahrkarten gekauft. Aber niemand konnte uns sagen, an welchem Bahnsteig der Zug abfährt. Die elektronische Anzeige im Bahnhof war der wirklichen Zeit eine Stunde voraus. Der Fahrplan gab keine Auskunft zum Bahnsteig. Fahrkartenverkäuferin, Sicherheitsmensch, Bahnsteigeinlasskontrolleurin, Putzfrau – niemand konnte uns sagen, wo unser Zug fährt. An den Bahnsteigen elektronische Anzeigetafeln – aber außer der Nummer des Bahnsteiges verrieten die nichts. Wir stürzten zu einem menschenleeren Zug mit verschlossenen Türen – kein Schaffner in Sicht. Am Zug stand „Sankt Petersburg“. Zurück und zu einem anderen Bahnsteig. An dem dortigen Zug stand auch „Sankt Petersburg“. Ich klopfte an die Scheibe, um den Lokführer mit einer bettelnden Geste um eine Auskunft zu bitten. Der schüttelte grimmig den Kopf und zeigt auf seine Uhr – Pause. Während dessen fuhr am anderen Ende der Zug los, an dem wir zuerst waren. Wir fragten wieder am Bahnhofsgebäude. Keine auskunftsfähigen Personen. Dann fuhr ein Zug ein. Massen strömten heraus und wir fragten eine intelligent aussehende junge Frau. „Ja, das vorhin wäre unser Zug gewesen.“ Und der nächste gehe erst in drei Stunden, aber wir könnten ja mit dem Privatbus fahren, der an irgendeiner Metrostation startet … angesichts von ca. 5 € Gesamtfahrpreis und dem strömenden Regen und in der Gewissheit, dass man das Wohnhaus von Repin an besagtem Tag sowieso nicht besichtigen konnte, traten wir unsere Pläne in die Tonne. Statt dessen besuchten wir mit Simon das (wirkliche!) Eisenbahnmuseum, in dem wir aber nur angestaubte Modelle und keinen einzigen echten Wagon sowie etwa 15 miniaturisierte Panzerzüge antrafen.

Die Stadt ist voller Schilder und Aufkleber, noch von Graffity verschont und die Scheiben der Metro weisen nicht den geringsten Kratzer auf.

Bemerkenswert sind die zahlreichen Baustellen. Überall werden die Fassaden saniert, Aufzüge eingebaut, Leuchtreklamen angeschraubt. Die ersten frisch gepflasterten Fußwege sind schon wieder zerfahren. Öffentliche Gebäude sind oft mit viel Geld restauriert.

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Oft muss ich beim Gang durch die Straßen an China denken. Aber wenn die Chinesen improvisieren, tun sie es aus irgendeinem Mangel heraus und sie tun es selten. In Russland habe ich manchmal den Einruck, dass improvisiert wird, weil zu mehr die Lust nicht reicht oder weil die Maßstäbe für Perfektes, Vollendetes verloren sind, nur sekundenweise aufflackern. Eleganz und Solidität vergangener Jahrhunderte stehen vielleicht auch deshalb hoch im Kurs. Eine kitschige Nostalgiewelle hat das Land erfasst. Der Zarenadler stellt Phönix in den Schatten.

Wir waren in der ganzen Woche ein einziges Mal in einem wirklichen russischen Restaurant essen. Aber um so häufiger italienisch, ukrainisch und „amerikanisch“. Und an jeder zweiten Ecke kann man japanisch speisen, das ist vermutlich gerade in. Vorzüglich sind einige der Teestuben.

Die Stadt ist laut. Das liegt an dem gigantischen Verkehr, der durch die Häuserschluchten hallt. Es riecht überall nach Benzin. Offenbar haben die meisten Autos keine Katalysatoren. Und man fährt gern schnell. Energiesparen ist für die Russen noch kein Thema. Überall bullern die Heizung ohne Thermostate drauflos. Die Verkäuferinnen tragen T-shirts. In einer Pizzeria unter dem Dach eines neuen Einkaufszentrums raste die Klimaanlage gegen die aufsteigende Heißluft aus den unteren Etagen an. Und Swetlana in unseren Hotel begrüßte uns morgens stets im kurzen Turnhöschen. Als wir auf das unnötige Heizen unseres Zimmers aufmerksam machten, fanden wir bei der Rückkehr aus der Stadt alle Fenster angekippt.

Aber ich will nicht ungerecht sein. Die Stadt ist wie ein pubertierendes Kind, dass sofort alles haben möchte aber noch nicht weiß, was es eigentlich will. Die Stadt wirk ein wenig ungezogen. Doch eine bemerkenswerte Zukunft ist hier nur eine Frage der Zeit, nicht eine Frage des Geldes, solange der Ölpreis stimmt. „An Russland muss man einfach glauben“ lautete der Titel eines Sachbuches von Gabriele Krone-Schmalz. An diesen Satz, der Aufmunterung und Resignation zugleich ist, musste ich in den letzten Tagen oft denken.

Sankt Petersburg

Claudia als Russlandjungfer bedurfte dringender Veränderung. So haben wir eine einwöchige Reise in das Venedig des Nordens gebucht und uns in das Hotelchen „Novelle Europe“ einquartiert. Das ist eigentlich eine große herrschaftliche Wohnung am Rande der City, die sehr nett und familiär betrieben wird.

Was sind die ersten Eindrücke von Sankt Petersburg, das ich zuletzt vor ca. 30 Jahren (noch als Leningrad) gesehen habe ?

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Die Stadt ist nach wie vor von ungeheurer Pracht geprägt. Über 70 Jahre Sozialismus haben eher eine Patina gebildet, weniger Lücken hinterlassen. Jetzt werden die Fassaden nach und nach saniert und man kann viel Stuck, viele Säulen und prächtigsten Jugenstil bewundern.

Nach wie vor gibt es auch noch das sowjetische Kuriosum, dass Frauen auf den Baustellen arbeiten.

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Wir waren in der Eremitage ( 5 Stunden Bilder ohne Ende….), in zahlreichen Kirchen und auch in der Peter und Paul Festung. Dort war Simon am meisten vom etwas heruntergekommenen Raumfahrtmuseum beeindruckt, denn er stand neben einer echten Sojus-Landekapsel.

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Die Lebensverhältnisse der Petersburger fallen sehr weit auseinander. Die Straßen sind voller protziger Limousinen, die alle ohne Katalysator durch die Gegend rasen und schier alles wild zuparken. Pelzbestückte Damen demonstrieren neuen Reichtum und Armut fällt nicht öfter ins Auge als in Berlin auch. Die Preise sind höher als in Berlin, aber bei Hochzeiten wird nicht gespart.
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Dann gibt es noch recht sozialisitsche Ecken.

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Und in der jetzigen Jahreszeit wird es schnell dunkel. Die Stadt hat viel Stein und viel Grau zu bieten, es gibt aber auch beeindruckend gepflegte Parks, auf die man beim Schlendern immer wieder stößt.

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Oben seht Ihr den Blick aus dem Fenster unseres Hotels auf die Majakowskaja und unten einen Blick auf das schier endlose Schnapsregal in der Kaufhalle nebenan.

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