Reise an die Weichsel

Die Weichsel ist der längste polnische Fluss. Doch wo ist ihre Quelle?

Irgendwo in den Beskiden, bei einem Städtchen, das Wislwa heißt: Weichsel. Mateusz lädt mich ein, die Quelle der Weichsel zu besuchen, einen Ort, der stark mit der polnischen Identität verbunden ist. So stark, dass sich ein polnischer Präsident in den dreißiger Jahren eine große Villa bauen ließ, die jetzt über einer Trinkwassertalsperre thront, die es seit den sechziger Jahren gibt.

Stausee bei Wisla
Stausee bei Wisla mit der Präsidentenvilla

 In dem Stausee fließen, ein wenig versteckt unter einer Straßenbrücke und hochwasserfest vermauert, die schwarze und die weiße Weichsel zusammen. Und wir beschließen, zur Quelle der schwarzen Weichsel zu wandern.

In dem kleinen Ort fragen wir nach dem Weg zur Weichselquelle. Die Wirtin unserer Pension weiß es nicht, die Frau im Dorfladen antwortet: „Ich lebe seit dreißig Jahren hier und kenne die Weichselquelle nicht.“ Am Parkplatz eine Karte mit einem Wanderweg parallel zum Lauf des Flüsschens. Irgendwo in den Bergen zweigt eine dünne blaue Linie vom Weg ab und führt zu einem blauen Punkt im Wald. Ist das die Weichselquelle? Die Parkplatzwächterin bejaht, aber der Ort im Wald sei schwer zu finden. Wegmarkierungen gibt es dort hin nicht, auch läge die Quelle ja im Naturschutzgebiet und Touristenströme sollen nicht unbedingt zur Quelle geleitet werden.

Und tatsächlich, die Wanderer, die wir unterwegs treffen, wollen alle nur zum Aussichtsturm auf dem Kamm der Beskiden, den Barana Gora, nahe der slowakischen Grenze. Niemand interessiert sich für die Quelle des größten polnischen Flusses und keiner kann uns etwas zum Weg dort hin sagen.

Zwei Stunden gehen wir an dem Wasserlauf entlang. Der Fluss hat sich tief in ein Sandsteinplateau geschnitten. Zahllose Rinnsale speisen ihn von den Hängen.

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Quelle am Rande der Schwarzen Wisla

So wie der Fluss wird auch der Weg immer schmaler. Wir klettern über Steine, springen über Pfützen, balancieren auf Baumstämmen über Morast. Bald passieren wir einen kleinen Wasserfall, die Kaskady Rodla.

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Kaskady Rodla

Schließlich zweigt das, was wir für die schwarze Weichsel halten nach links in den Wald ab, es sind zwei Bäche und wir folgen dem etwas größeren auf einem kaum zu erkennenden Pfad, schlagen uns durchs Dickicht, klettern über umgestürzte Bäume. Aber der Bach will sich nicht zu einer Quelle verengen. Der Boden unter unseren Füßen wird sumpfig. Reste von verharschtem Schnee schimmern zwischen Buchen am Ende des Monats April. Wo wir auch hingehen, die Tritte füllen sich mit Wasser, und in welche Richtung wir auch schauen, über all gibt es kleine Rinnsale, kleine Pfützchen, die den Bach speisen.

Wir brechen ab. Es gibt sie nicht, die Quelle. Es gibt vielleicht ein Quellgebiet, dass wohl seine Gestalt nach jeder Schneeschmelze ändert. Und so ist es mit den Flüssen wie mit der Geschichte des Landes. Es ist keine einfach zu findende Linie. Es sind Rinnsale die zu Ereignissen werden.

Eric Pawlitzky
Im Quellgebiet der schwarzen Weichsel

Das Städtchen Wisla lebt vom Tourismus und ein wenig auch von der Weichsel. Hinter der Kirche in einem Park steht eine Statue: ein vollbusiges Mädchen mit Trachtenrock, Früchten und einem etwas maskulinen Gesicht mit Betonlocken vor einem trockenen Brunnenbecken. Die Weichsel, die ein wenig lügt, denn Flussabwärts ändert sie ihre Gestalt. Alles ursprünglich Mystische wird zwischen Deiche gezwängt und fließt begradigt durch die Ebene des Beskidenvorlandes.

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Die Weichsel als Statue
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Die eingedeichte Weichsel bei Buczyna.

Unsere Reise führt uns an eine Landmarke, die einst Jahr für Jahr Millionen an Touristen anzog. Die Stadt Myslowice war das Mekka für den kleinen Grenzverkehr, für tausende Schmuggler und auch für Auswanderer. Östlich von Katowice gelegen, an der stark befahrenen Bahnlinie von Wrozlaw nach Krakow, fließen die schwarze und die weiße Przemsa zusammen. Warum auch diese Flüsse mit „schwarz“ und „weiß“ bezeichnet wurden und nicht mit „braun“ und „dunkelbraun“, was der Realität näher käme, weiß ich nicht. An dem Ypsilon, welches die zusammenfließenden Flüsse bilden, befand sich vor 100 Jahren das Dreikaisereck. So genannt, weil sich hier das russische Zarenreich mit Österreich-Ungarn und Deutschland an einem imaginären Punkt im Wasser berührten. Dreimal Grenze im Fluss, drei Kaiserreiche und ein blühender Grenzhandel.

Nach dem ersten Weltkrieg war dieser Ort nur noch ein symbolischer, denn gleich drei Kaiserreiche waren untergegangen. Und auch der Bismarckturm, den man hier errichtete, als die Gegend noch deutsch war, musste neuen Symbolen weichen, als das Land endlich polnisch wurde.

Immerhin – das Dreikaisereck gibt es noch. Auch wenn es sich unter einer alten Bahnbrücke versteckt, es ist sogar durch einen Obelisken markiert. Von den zahllosen Ausflugslokalen, die es in der Umgebung gegeben haben muss, sind nur noch traurige Reste geblieben.

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Das Dreikaiseck am Morgen des 28. April 2013
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Altes Ausflugslokal gleich beim Dreikaisereck. Gegenüber ist das leider ebenfalls geschlossenen „Bismarck-Ek“.

Und auch Myslowice ist ein wenig traurig. Wir haben im Hotel „Trojka“ übernachtet. Nach einem typisch polnischen Hotelfrühstück (viel fettige Wurst, beinaheflüssiges Rührei, Obst nur in Gestalt von Marmelade – aber die Nacht für bescheidene 25,00 €) besuchen wir eine Dame im Stadtmuseum. Sie präsentiert uns viele alte Postkarten aus der Glanzzeit von Tourismus und Schmuggel, vor allem jedoch ein Konzept zur touristischen Wiederbelebung der Gegend, mehrzweckhallengeprägt, vom Segen zukünftiger Kongresse beseelt, an die sie selbst nicht so ganz glauben mag. Denn während die drei Kaiserreiche in der Gegend dank des Schmuggels und dank dem Geschäft mit den Auswanderern lange Jahre friedlich für Wohlstand sorgten, sind jetzt drei polnische Gemeinden hoffnungslos zerstritten. Keine hat die notwendigen Eigenmittel für den Abruf der EU-Gelder und bevor eine als erster beginnt, beginnt man gar nicht mit der Umsetzung der bunten Pläne.

Ich habe Mateusz an diesen Ort begleitet, weil ich der Auffassung war, dass es hier im 1. Weltkrieg Kämpfe gegeben haben musste. Den Russen standen gleich zwei Armeen gegenüber. Die ganze Gegend voller Kohlegruben, Chemiefabriken, Textilindustrie, eine strategisch wichtige Eisenbahnlinie. Und dann noch Flüsse, die es zu verteidigen oder zu überschreiten galt, denn Flüsse waren den Militärs damals durchaus eine Überlegung wert, sie bildeten noch echte Hindernisse, mit denen man kalkulieren konnte, kalkulieren musste.

Doch niemand kann sich an die Ereignisse um 1914 erinnern. „Es wurde nicht gekämpft“, sagt die Frau vom Museum. Ich kann das nicht glauben. „Alle Kriege beginnen mit Grenzüberschreitungen, und Österreicher und Deutsche haben die Grenze vermutlich auch in dieser Gegend überschritten mit dem Ziel, zur Weichsel vorzustoßen.“ „Ich weiß davon nichts“, sagt die Frau. „Sind die Russen einfach abgehauen aus dieser ehemals wohlhabenden Ecke?“, setze ich nach. Die Frau zuckt die Schultern. Der vergessene Krieg.

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Die Reste des Gedeksteines, der an den abgerissenen Bismarkturm erinnern soll.