Tallinn die 3.

Natürlich beschäftigt man sich zwangsläufig auch mit der Geschichte und der Situation des Landes, welches man bereist.

 

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Was uns insgesamt an Tallinn auffällt, ist eine bemerkenswerte Entspanntheit. Es ist nicht die Trägheit, die uns deutschen ab und zu in südlichen Ländern auffällt, es ist auch keine Hektik, es ist eine angenehme Geschäftigkeit, die hier scheinbar alle erfasst hat. Man sieht – abgesehen von den zahlreichen Touristen – niemanden herum sitzen, nur sehr vereinzelt Bettler. Man kann bei einem morgendlichen Spaziergang durch die Stadt, auch durch die Randbezirke, zahllose Menschen dabei beobachten, wie sie die Fußwege fegen. Das sind aber keine städtischen Angestellten, sondern zum Teil recht wohl gekleidete Männer und Frauen, denen offenbar die Sauberkeit der Stadt am Herzen liegt.

 

 

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Die Menschen sind sehr gut gekleidet. Und anders als in St. Petersburg stellt man den gerade erworbenen Wohlstand nicht allzu demonstrativ zur Schau. Auch die Zahl der Luxuskarossen hält sich in Grenzen.

 

 

Morgens in einer Kaufhalle spricht mich die Kassiererin auf englisch an, weil sie mich mit meinem Fotorucksack schnell als Touristen identifiziert hat. Ich antworte aber auf russsisch, was sie problemlos erwidert. Wo bitte findet man in Berlin oder gar in Erfurt eine Kassiererin, die drei Sprachen mit der größten Unbefangenheit im Umgang mit ihren Kunden benutzt? Bei einem Bäcker war die gesamte Auslage in estnisch und deutsch beschriftet. Gestern aßen wir in einem georgischen Restaurant und die Karte enthielt eine Beschreibung der Speisen in vier Sprachen: estnisch, finnisch, russisch und englisch. Selbst ein Hochglanz-Modemagazin, was ich im Hausflur aufgabelte, war komplett zweisprachig in estnisch und in russisch, der beiden hierzulande am häufigsten gesprochenen Sprachen, verlegt. Welche deutsche Verkäuferin in Berlin kommt auf die Idee, türkisch zu lernen?

 

 

Natürlich besinnen sich die Esten mit ihrer ja erst seit dem Jahre 1991 wieder gewonnenen Unabhängigkeit sehr auf nationale Traditionen. Den Jahrzehnten der „Russifizierung“ setzen sie jetzt einiges entgegen. Dennoch ist die Öffnung zur Welt bemerkenswert. Vergleicht man einmal den im Zuge der Fußball-EM im Jahre 2006 wieder aufgelebten, unbefangenen (und zum Glück auch unaufgeregten) Patriotismus der Deutschen mit dieser Weltzugewandtheit der Esten, die sich trotz oder wegen eines viel stärker ausgeprägten Patriotismus so selbstverständlich einer Internationalisierung ihres Alltags zuwenden, kann man sich nur wundern.

 

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Russischer Breakdancer vor dem Rathaus.

 

Mir begegnete bisher auch kein „Russenhass“. Das ist ebenso bemerkenswert, wenn man die Geschichte des Landes in Betracht zieht. Beim Recherchieren im Internet, habe ich folgende bemerkenswerte amerikanische Seite gefunden.

 

http://heinar2.webs.com/fromestoniatotheusa.htm

 

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Heute regnet es seit dem Morgen ununterbrochen. Wir nutzen das hiesige kostenlose W-LAN zu verschiedenen Recherchen und zur Planung der weiteren Reise. Da die Wetterberichte nichts Gutes verheißen, werden wir morgen zwar wie geplant nach Tartu reisen, dann aber die nächsten Station nicht in Jurmala, einem bezaubernden Seebad, machen, sondern statt dessen in Riga bleiben, wo es gewiss einige regenwettertaugliche Ziele gibt.

Paldiski

Heute haben wir einen Ausflug mit der Tallinner S-Bahn an einen verrückten Ort gemacht.

 

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Paldiski hat ein wechselvolles Schicksal erlitten wie kaum eine andere Stadt.

 

 

Bis 1994 war es quasi eine verbotene Zone mit Bahnanschluss und Hafen. Hier wurden an zwei Übungsreaktoren Besatzungen für Atom-U-Boote ausgebildet. Nach dem Abzug der inzwischen russischen Armee stürzte die Einwohnerzahl von ca. 8.000 auf ein Drittel ab. Damit verschwanden auch das große Militärkrankenhaus, und das Kulturhaus, zugleich Offizierscasino, wurde geschlossen.

 

 

Als wir vor dem gigantischen Kulturhaus standen gesellte sich Victor zu uns, der fließend russisch sprach und auch einige Brocken Englisch beherrschte. Victor ist Lokführer auf einer amerikanischen Diesellok im Hafen. Er erklärte uns den Ort und was sich so ereignete. Er konnte sich noch daran erinnern, wie das Kulturhaus (links) und die Schwimmhalle mit aufgesetzter Turnhalle (rechts hinten) in Betrieb waren.

 

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Inzwischen sind viele der Häuserblocks renoviert und es gibt ein neues „Stadtzentrum“ mit einer klaren Ansage am Rathaus, wer der neue Gott ist.

 

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Victor hat nach der Rate für seine Eigentumswohnung noch etwa 600 € im Monat zum Leben, aber er ist zufrieden. Das liegt gewiss auch an dem boomenden Hafen, der vor allem die Fährlinien nach Skandinavien bedient und dank russischer Spurweite des estnischen Eisenbahnnetzes auch ein für die GUS-Staaten wichtiger Umschlagplatz geworden ist. Vor allem auf den Transport von Autos, Flüssiggas und Öl ließen die Anlagen schließen.

 

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Wir haben die neue Freizügigkeit der Halbinsel genossen und haben eine schöne Wanderung auf dem Rand der Steilküste zu einem Leuchtturm im Norden der Halbinsel gemacht. Eine bemerkenswert vielfältige Trockenrasenpopulation konnten wir beobachten, aber auch zahlreiche Überbleibsel der einst militärischen Nutzung des Gebietes.

 

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Nun sind die Reste der Übungsreaktoren aber eingesargt und statt dessen wurde ein großer Windpark angelegt – übrigens von einem bulgarischen Unternehmen. Das erfuhren wir, als wir auf dem Rückweg vom Leuchtturm trampten und von einem netten bulgarischen Ingenieur mitgenommen wurden.

 

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Beinahe hätten wir aber auf dem Rückweg nach Tallinn einen Fehler gemacht. Während wir auf die Bahn warteten, kam ein Bus am Bahnhof an, den wir quasi in letzter Minute als Schienenersatzverkehr identifizieren konnten. Die S-Bahn-Strecke wird nämlich gegenwärtig komplett saniert. Das sahen wir unterwegs auf der Hinreise und das sieht man auch an den zauberhaft sanierten Bahnhöfen. Ganz anders als in Deutschland werden hier Bahnlinien offenbar nicht für Höchstgeschwindigkeiten optimiert, sondern mit bemerkenswerter denkmalpflegerischer Mühe für die Menschen erhalten. Hier das Bahnhofsgebäude von Paldiski

 

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Was gibt es sonst noch zu Paldiski zu sagen: zwei Kirchen am Hafen haben die Turbulenzen von Krieg und Sowjetzeiten überlebt. Es gibt wieder viel, viel streng bewachten Stacheldraht. Diesmal zum Schutz der wertvollen Güter, die im Hafen umgeschlagen werden. Neue Grenzen am Rande der EU nach dem Ende des Sperrgebietes. Und am Bahnhof fanden wir einen Gedenkstein mit frischen Blumen zur Erinnerung an ca. 2.400 Menschen, die von dem Hafen mit der Eisenbahn in den Jahren zwischen 1944 und 1949 nach Sibirien transportiert wurden.

 

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Eine Kirche am Rande des Hafengeländes.