Nakuru – Kericho

Am Samstag habe ich zusammen mit Johanna von den Dentists for Africa ein Seminar für einig eunserer erwachsenen Patenkinder gemacht. Mein Part: Netzwerk und Strategien bei der beruflichen Karriere, Buesinessplanentwicklung. Hie reinige Eindrücke von der Veranstaltung:

Der Sonntagnachmittag war wirklich schön. Wir sind ein Stück mit dem Auto gefahren und dann eine steile Anhöhe an den Rand des Menengai-Kraters hochgestiegen. Das sind vier Kilometer und man hat einen tolle Ausblick in verschiedene Himmelsrichtungen. Hier war ich 2011 schon mal, aber meine Kenianischen Begleiter kannten dieses Naturwunder überhaupt noch nicht.

Der Menengai Krater ist der sechstgrößte Vulkankrater der Welt, sein Rand erreicht eine Höhe von mehr als 2.200 m, er ist 500 m tief und hat einen Durchmesser von 12 km. Kurz vor dem Gipfel wollte ich ein gutes Werk tun und habe entlang des Weges fleißig Plastikmüll gesammelt. Als ich mit zwei reichlich gefüllten Händen auf dem Gipfel ankam, musste ich nicht nur feststellen, dass gleich hinter der ersten Souvenierbude eine beachtliche wilde Müllkippe ist. Dann wurde ich von einem Ranger begrüßt, der uns ca. 10 € Eintritt abkassierte. Meinen Vorschlag, mir für das Müllsammeln einen Rabatt zu geben, wollte er nicht so recht wahrhaben. Auch die Hinweise, dass Naturschutz was mit wilden Müllkippen zu tun haben könnte, die er doch mal auf kurzem Wege inspizieren könnte, half nicht. Philip und Gregory, meine Begleiter, haben jedenfalls herzlich gelacht.

Den Rest des Sonntags habe ich mit Recherchen verbracht. Wo gibt es größere Firmen in Nakuru, der viertgrößten Stadt von Kenya? Erste Erkenntnis: die haben oft keine Websites mehr oder diese sind veraltet. Alles läuft nur noch über Facebook. Harte Zeiten für Webdesigner. An zehn Firmen schreibe ich E-mails bzw. Facebooknachrichten. Die einzige, die sich meldet, ist Caroline, die eine Facebookgruppe für Unternehmerfrauen gegründet hat. Mit Ihr will ich mich treffen und sie will mich mit einigen Leute in Kontakt bringen.

Doch der Montag beginnt ganz anders. Wir fahren nämlich erst mal auf der Straße nach Nairobi zurück zu einem Haus, dass mir auf der Hinfahrt aufgefallen ist, das aussieht wie ein mutiger Entwurf für ein Hotel, dass mir aber unter einigem Gelächter von Gregory, meinem Fahrer, als Bestattungshaus vorgestellt wurde.

Auf drei Etagen befinden sich Feierhallen, Kühlzellen, Sargausstellung, Kantine, Dachterasse, Leichenwaschräume. Alles megaedel und nagelneu. Mit der anwesenden Empfangsdame, die mit uns eine Führung macht, reden wir lange über Bestattungskultur, Umgang mit Alten, dem Verhältnis zum Tod. Endlich kommt der Chef. Aber er hat keinen guten Tag. Sein Auge tränt und er will keine Fotos. Ein wenig sauer bin ich, als er mir pauschal unterstellt, dass ich so wie alle Europäer nur die schlechten Seiten Kenyas zeigen will. Dann lässt er uns einfach wortlos stehen, nun ja.

Auf der Rückfahrt dann ein kleiner Lichtblick. Ein neues großes Sägewerk dürfen wir fotografieren. Während die Managerin noch überlegt, ob das ok ist, bohrt sie nervös in beiden Nasenlöchern. Ihre Firma läuft gut und die Baubranche boomt.

In der Stadt treffen wir uns mit Caroline. Sie will mir einige Unternehmerinnen vorstellen. Große Firmen hat sie leider nicht zu bieten. Einzig mit einer großen Geste, kann sie uns erklären, wie wir zum Gewerbegebiet kommen – die Straße immer gerade aus. Aber immerhin – so sagt sie – hat ihre Facebook-Gruppe 500 Mitglieder. So gehen wir als erstes zu ihrer Freundin Beatrix, die auf 4 qm mit gebrauchten Schuhen, Koffern und Kleintextilien handelt. Die Bude ist quasi nach vorn offen wie eine Kiste ohne Deckel. Neben ihr 20 weitere Buden mit gefühlt demselben Sortiment.

Dann geht es weiter zu einem großen Textilgeschäft. Es wird von 20 Frauen gemeinschaftlich betrieben, jede hat quasi ein paar Meter Regelstange oder Wand, was man auf den ersten Blick gar nicht sieht. Etwa fünf sitzen in dem Laden herum, eine winzige Ecke am Eingang ist an einen Handyminutenverkäufer verpachtet, der mir Strom für den Blitz bereitstellt. Als erstes stellt sich Lucy vor die Linse in einer Art Leopardenfell-Jumper. Dann will auch eine Kollegin noch porträtiert werden, viel Gelache. Hier, denke ich, bekomme ich vielleicht Kotakt zu Modedesignern oder kleineren kenianischen Labeln. Aber weit gefehlt, alles, was hier hängt, auch wenn es irgendwie afrikanisch aussieht, wird in China gefertigt oder kommt aus den Altkleidersammlungen Europas.

Dann ziehen wir mit Caroline weiter zu einem neu eröffneten Handyshop. Am Eingang lungern erstaunlich viele hübsch Damen herum, klar zielgruppenorientiert. Viel Licht, interessantes Interieur, nicht ganz so „kenianisch“. Als ich der Chefin vorschlage, gleich die ganze Mannschaft zu porträtieren, gibt es ein großes Hallo. Hat sich gelohnt.

Wenn ich denn schon mal ortskundig durch die Innenstadt von Nakuru geführt werde, will ich endlich mal einen Buchladen fotografieren. Als ich mich als Buchliebhaber vorstelle, erst mal freundliche Reaktionen. Aber der Chef ist nicht da, bitte mal in einer Stunde wiederkommen. Diese will ich nicht vertrödeln, statt dessen verabschiede ich mich von Caroline, drücke ihr noch 4 € in die Hand (ihr durchschnittliches Tageseinkommen), dann fahren wir ins Gewerbegebiet.

Auf meine Mails vom Vortag hat niemand geantwortet. Also fragen wir einfach bei Pförtnern, ob da was ginge mit Porträts vom Chef, wenn die Firma halbwegs vielversprechend aussieht. Drei mal blitzen wir ab. Aber zweimal schaffe ich es in die entscheidenden Vorzimmer, einmal sogar zur Chefin selbst. Aber alle müssen irgendwelche Vorgesetzte fragen. Ich soll mein Projekt noch mal kurz per E-mail beschreiben. Morgen dann vielleicht. Vor dem Werktor noch schnell ein Porträt vom Scherenschleifer mit umgebautem Fahrrad. Er freut sich und bedankt sich überschwänglich für ein kleines Honorar.

Na gut, zurück in den Buchladen und Geld holen. Im Buchladen ein anderer Typ, der meint, der Text meines Modelreleas sein unfair. Ich erkläre und widerspreche. Er murmelt. Ja, er müssen den Chef fragen. Ich laufe so lange im Laden rum und stelle fest: hier gibt es 90% Schreibwaren und Schulbücher, 5% Bibeln und 5 % Literatur der anspruchslosesten Sorte, mal so auf Regalmeter geschätzt. Die Einladung ,morgen noch mal anzurufen, nehme ich lächelnd zur Kenntnis, Vergiss es, Junge.

Abends dann stundenlang Telefonkonferenzen mit Jan und Wenzel zu Jan Zychlinskis Buch. Das läuft nicht völlig geräuschlos nebenher. Wenzel schlägt sich wacker. Der Termin für die Präsentation am 11.11. scheint nicht gefährdet. Beginn einer neuen Fotografiereihe im Hörbild-Verlag.

Dienstag 17.10.

Gleich morgens fahren wir zu Joyce, der Chefin vom großen kenianischen Saatguthändler „Kenya Seeds Ltd.“. Und Täterä – sie ist einverstanden mit einem Porträt und unterschreibt auch anstandslos das Modelrelease. Ich reiche eine Strumpfhose und kleine Cremetuben über den Schreibtisch, da gerät sie ganz aus dem Häuschen.

Dann weiter zu einer Firma für Betonfertigteile. Ich warte mich mit Philip durch zwei Vorzimmer. Nach einer guten halben Stunde (immerhin mit aktueller Zeitung – darin mehren sich die Stimmen derer, die zu Besonnenheit aufrufen, auch von der Opposition) empfängt mich die Chefin. Ich erkläre ihr alles, sie verschwindet mit dem Modelrelease für 5 Minuten im Nebenzimmer. Das wars, denke ich schon, da bittet sie zum Chef. Stämmiger Kerl, Mitte vierzig, das Eis bricht schnell als wir über den Unterschied von deutschen und chinesischen Baumaschinen reden. Das Gespräch endet mit dem Versprechen, in Deutschland mal nach gebrauchten Baumaschinen zu recherchieren. Er will mir eine Wunschliste schicken oder gleich selbst mal nach D fliegen. Das Bild auf dem Hof geht so. Die Chefin hält sich für eine talentierte Fotografin, gibt Ratschläge, posiert. Es dürfen auf keinen Fall Maschinen auf das Bild, denn das könnte das Finanzamt neugierig machen. Aber alles ist im Kasten, endlich mal eine Firma mit 200 Angestellten.

Es ist Mittag und wir nehmen die Straße nach Kericho. Die windet sich nagelneu und staufrei durch die Berge, alles ist grün und voller Bäume, schöne Täler, Wälder, Plantagen aller Art. Je näher wir der Stadt kommen, desto häufiger säumen Teeplantagen die Straße. Bald treffen wir auf eine herrschaftliche Villa vor einer Teeverarbeitungsfabrik. Mir gelingt es, bis zum Chef vorzudringen. Ein netter Mann um die vierzig, der mein Projekt sofort versteht und auch gut findet. Er willigt in ein Porträt ein. Aber ich soll ihn tags drauf noch mal anrufen, wegen der Zustimmung des Managements. Das ist doch mal was optimistisches. Abends, es ist schon dunkel, mache ich noch ein Porträt vom Manager der Tankstelle gegenüber, einem Mann mit indischen Wurzeln.

In Kericho habe ich ein von den Briten 1948 gebautes Hotel gebucht. Leider entpuppt sich der kleine Pavillon, den ich bewohne mal wieder als unverschämter Flopp. Für 80 $ die Nacht wird da runtergekommener Charme geboten. Träge Bedienstete schlurfen durch die Hallen. Heute stelle ich, nachdem die Klospülung den Geist aufgab, den Manager freundlich aber bestimmt im Rahmen einer kleinen Zimmerbegehung zur Rede. Ich betone, dass ich nicht der belehrende Europäer sein will, das mir aber einfach viele, viele Kleinigkeiten auffallen, die sich vielleicht schon weggeguckt haben. Ich erspare uns an dieser Stelle mal eklige und brandgefährliche Details. Der Mann stimmt mir zu und letztlich einigen wir uns auf 30% Preisnachlass.

Nach dem Frühstück gehe ich mit meinen Assistenten in das benachbarte nagelneue Autohaus mit allem Drum-und-dran. Ein fetter Glaspalast. Netter Empfang, aber Entscheidung erst morgen, wenn die Chefin wieder da ist. Dann rufe ich Philip, den Teemanager an und der muss leider alle Termine absagen, denn auf den Teeplantagen ist ein Streik ausgebrochen.

Also telefoniere ich mit Apollo. Das ist ein Mann Anfang 50, der uns gestern Abend auf eine etwas schmierige Art im Hotelrestaurant abgesprochen hat. Apollo arbeitet in der Stadtverwaltung. Er hat ein Treffen angeboten, er wolle mich mal einigen Leuten vorstellen. Eigentlich nicht so mein Fall. Als wir in die City fahren, werde ich endlich mal von einem dieser dicken, korrupten Polizisten angehalten. Ich kurble die Scheibe runter. „Na, wie geht’s? Wo wollen wir denn hin?“ „Ich habe einen Termin beim lokalen Gouverneur“, antworte ich, und darf sofort weiterfahren.

In der Stadtverwaltung werde ich von einem Uniformierten erwartet und mit Philip gleich zum Chef irgendeiner Abteilung gebracht, dem Vorgesetzten von Apollo. Was auch immer dieser Herr macht, er hat sich Mühe gegeben, mir eine Liste interessanter Unternehmen aufzuschreiben. Neben ihm die dicke Marketingchefin, die das auch alles toll findet. Und dann ordnet der Chef an, dass mich Apollo überall hinbringen soll, quasi als persönlicher Begleiter. Der erscheint dann auch und wir fahren erst mal wieder ins Hotel. Dann wird eine Stunde lang wichtig getan, über alles mögliche Zeug gelabert und gefragt. Wie es mit einem driekten Export von Tee nach Deutschland laufen könnte, denn Apollo hat eine kleine Teeplantage. Ob ich Kontakte zu deutschen Sicherheitsfirmen herstellen könnte, das sei ein total toller Markt in Kenia, aber leider sind die ausländischen Wachdienste so erfolgreich. Wenige Minuten später steht ein bulliger Typ am Tisch, der sich als der ideale Kooperationspartner für expansionswillige deutsche Wachdienste anbietet. Ich schlage da gleich mal ein Porträt vor, denn erst ist Chef eines Wachdienstes mit zeitweilig 200 Arbeitskräften – je nach Saison und Sicherheitslage. Das Porträt will er nicht so recht, auch als ich ihm eine Karriere als der neue James Bond verspreche, wenn sein Bild erst mal in Deutschland veröffentlicht ist.

Endlich fahren wir wieder in die Stadt und machen halt vor dem Rest des berühmtesten Kenianischen Plattenlabels, gegründet 1958: Chandara Records. Von diesem einst bedeutenden Label für afrikanischen Jazz und traditionelle Musik ist nur noch der Gründer übrig, wohl in biblischem Alter, und der ist leider nicht da.

Wenig später stehen wir in einer abenteuerlichen Werkhalle. Der indische Besitzer lädt mich für morgen früh zum Shooting ein und bietet auch gleich noch die Besichtigung seiner Teefabrik vor den Toren der Stadt an. Ein langsam fälliger Lichtblick, denn heute wird der Tag porträtlos enden.

Bleibt mir für den heutigen Tag nur noch die Fahrt zu meinem Patenkind. Felix ist völlig verdattert, als er zu mir gebracht wird. Die Schuldirektorin lobt seine Disziplin. Felix wird nächstes Jahr mit der Schule fertig und will dann Informatik studieren. Dann wären drei von meinen vier Söhnen in dieser Branche gelandet bzw. wollen da rein. Wir gehen in ein nahegelegenes Restaurant, und als er den Beutel mit Simons abgelegten Sachen auspackt, strahlen seine Augen. Da einer meiner Begleiter, Philip, dem gleichen Stamm wie Felix angehört, er ist ein Luo, ist die Kommunikation etwas weniger verkrampft als bei unserer letzten Begegnung. Gleichwohl, es gibt nicht so viel zu erzählen, wenn man sich eigentlich kaum kennt. Bei dem Versuch, mit Simon eine kurze Videoschalte zu machen, reiße ich meinen Süßen in Amerika leider aus dem Schlaf. Entsprechend verknautscht ist Simon drauf. Ich gebe Felix etwas Geld für den Handytarif, wir machen noch ein Foto und dann setzt auch schon eines dieser täglichen Gewitter ein und wir fahren zurück nach Kericho.

Nun sitze ich in meiner langsam kalt werdenden abgeranzten Hütte und warte auf den morgigen Tag. Es bleibt spannend.

Was sonst noch so zu sagen ist – „african econmy“ ein fotografisches Projekt

 

Samstag 14.10.17

Ich muss schreiben, denn der Kopf ist so voll mit verrückten Dingen, die kann ich mir kaum merken. Und dass das so ist, stelle ich fest, wenn ich sehe, dass ich einige witzige oder interessante Sachen in den Texten zuvor gar nicht erwähnt habe.

Z.B. unseren Versuch, den Chef einer großen Textilfabrik zu fotografieren. Die sah von außen aus wie ein riesiges Hochsicherheitsgefängnis. Als wir den richtigen Eingang gefunden hatten, war das nur ein großes Stahltor und ein Pförtnerhäusschen, das eher mit Schießscharten, denn mit Fenstern versehen war, eingelassen in die vier Meter hohe Mauer mit Elektrozeugs und Stacheldraht.

Nach einigen Diskussionen werde ich eingelassen. Ich überreiche einem der Wachleute alles was ich so an Genehmigungen habe, auch meinen Pass. Damit verschwindet er. Nach ca. 5 Minuten öffnet sich das Stahltor und wir dürfen alle drei mit unserem Auto hereinfahren, es auf einen Parkplatz abstellen. Jeder von uns bekommt ein Halsband mit einer Karte dran.

Ich bekomme meine Dokumente zurück, darf sie aber gleich wieder abgeben bei einer Sekretärin in einem kleinen Bürogebäude. Sie kopiert meinen Pass, fragt nach Telefonnummern (da gebe ich immer eine falsche an….mit nem kleinen Zahlendreher drin, die müssen mich ja nicht auch noch per GPS verfolgen).

Während wir auf einen Vertreter des Managements warten, sehe ich durch ein Fenster, wie hunderte Arbeiter aus den gigantischen Hallen zu überdachten Essplätzen im Schatten der hohen Mauer strömen. Es ist Mittag und endlich kommt ein untersetzter Herr in weißem Hemd. Ich erzähle, was ich von ihm will. „Fotograf? Das trifft sich gut.“ fängt er an, „Ich unterstütze zwei junge Männer, die Fotograf werden wollen, haben leider grade Schule.“ Welche Kameramodelle ich denn empfehlen könne, will er wissen, natürlich gebrauchte. Ich fasse Mut und notiere auf einen Zettel, was ich für sinnvoll halte. Dann erzähle ich, dass ich in Deutschland für die Kids im Slum auch Kameras sammeln will. So halb im dummen Scherz fragt er Philip, der neben mir sitzt, ob Philip nicht aus meinem Gepäck eine Kamera klauen könnte. Ich wende mich an Philip und sage „Hey, Philip, wir haben uns in der Adresse geirrt, das ist hier gar keine Fabrik, das ist ein Knast mit lauter Kriminellen drin!“ Alle können lachen über den kleinen Scherz.

Es ist bei all dem Gewarte und Gelaber eine knappe halbe Stunde vergangen, ich komme zum Thema. „Nein, fotografieren könne man in den Hallen nicht.“ (dachte ich mir) „Und auf dem Hof leider auch nicht.“ „Wie wäre es mit einem Porträt draußen vor der Mauer?“ schlage ich vor (das wäre eine coole Nummer, denn es sähe tatsächlich aus, als sei er aus dem Knast entlassen oder müsse grade rein.). „Nein, er könne leider nicht Modell stehen, auch nicht draußen, auch nicht in einiger Entfernung, auch nicht anonym.“ Die Fabrik erklärt er, sei eine Freihandelszone, Staatsbetrieb, da dürfe man gar nichts fotografieren. Lediglich einen Schuss in die Landschaft aus großer Distanz gestattet er mir.

Als wir das Werksgelände verlassen, schüttelt Philip dem Wachmann durchs Fenster die Hand: es ist einer seiner Cousins. Und irgendwie begegnen uns dann täglich mehrere Cousins, ehemalige Kollegen, Schulfreunde. Das Land eine einzige große Sippschaft.

Wir fahren in den nächsten Stunden und Tagen noch an vielen anderen großen Fabriken in Mombasa und Umgebung vorbei. Immer, wenn ich zu einem neuen Versuch ansetze, sagen meine beiden Begleiter: „Vergiss es.“

Das ist also eine offene Aufgabe: mal einen größeren Betrieb fotografieren, idealerweise von innen. Ich habe noch zwei Wochen Zeit, um das hinzukriegen. Meine letzte Chance ist Nairobi, wo ich ja jetzt einen Millionär kenne. Aber diese Karte will ich wirklich erst zuletzt ausspielen.

Heute habe ich im Netz nach Betrieben in Nakuru recherchiert. Im Internet an sich gibt es kaum was zu entdecken, eher auf Facebook. Mit online hat es die Industrie hier nicht so. aber heute habe ich auch mal wieder ein wenig im Broterwerbsberuf gearbeitet: für die erwachsenen Patenkinder habe ich zusammen mit Johanna ein Seminar gemacht. Ca. 12 Leute waren gekommen, teils aus Uganda von der dortigen Uni angereist. Bei dem Workshop ging es um Themen von der Karriereplanung bis zu den Essentialien eines Businessplanes, immer mit dem Ziel, unseren Leuten etwas zu geben, was andere von Eltern bekommen. Man muss wissen, das Waisen in der Hierarchie verdammt weit unten stehen. Unsere Patenkinder werden definitiv mal ziemlich weit oben stehen. Das war jedenfalls mein Eindruck aus deren Diskussionsbeiträgen, den Plänen, die sie haben, der Art und Weise, wie sie auftreten.

Das Foto gestern von Mike, dem Chef von Fatboy Animations in Nairobi, war nicht so toll. Aber die Gelegenheit zum Nachbessern ist mir quasi vor den Augen davongefahren. Als wir nämlich vor dem Glaspalast der Fatboys auf dem Parkplatz standen, um auf Johanna von Dentists for Africa zu warten, kam der Chef raus und stieg in einen fetten BMW X5 (SUV). Ja, er stehe auf deutsche Autos sagt er, als er unter meinen erstaunten Blicken aus der Parklücke fährt. DAS wäre das Bild gewesen: Mike vor seinem BMW vor dem Glaspalast. Tja, die besten Ideen hat man immer hinterher.

Allein zu reisen ist nicht so mein Ding. Immerhin habe ich mit Philip und Gregory ganz sympathische Begleiter. Aber jeden Morgen muss ich mich zwingen, einen klaren Plan für den Tag zu machen. Der Plan lautet: mindestens zwei Porträts! Mehr geht oft nicht. Termine kann man vergessen, Reisezeiten auch. Ruft man bei größeren Firmen an, lautet die Antwort: schicken Sie uns ihre Anfrage doch mal per E-mail. Letztere wird natürlich nicht beantwortet. Heute habe ich ca. 10 Firmen in Nakuru mit Nachrichten über Facebook zugebombt, in der Hoffnung, dass jemand reagiert. Ansonsten gehe ich am Montag auf Verdacht Klinken putzen, Pförtner nerven usw. Heute ist Halbzeit, und ich habe 31 Porträts gemacht, von denen ich vermutlich zehn nicht in die engere Wahl nehmen werde. Da in Kenia auch samstags gearbeitet wird, bleiben mir noch zwölf Tage bis zum Abflug.

Und dann gibt es wieder Überraschungen: irgendwo geht eine Tür auf, und dahinter gibt es geile Bilder, mit denen ich am Morgen auf keinen Fall gerechnet hatte. Aber ich muss mich zwingen. Vor allem in dem geilen Hotel am Strand, ist mir das Aufraffen schwer gefallen.

Die Telefonnummer meines Patenkindes funktioniert nicht mehr. Sicher ist sein Guthaben verbraucht, vielleicht das Telefon kaputt, ich weiß es nicht. Falls er nicht zurückruft, muss ich irgendwie seine Schule finden. Wieder ein kleines Puzzel. Und wieder habe ich mich auf Selbstverständlichkeiten verlassen, das ein Jugendlicher per Telefon erreichbar ist, die hier eben nicht selbstverständlich sind. Ich hätte die Klamotten für Felix heute einem Seminarteilnehmer mitgeben können, der in Nyabondo arbeitet, der hätte sie den Großeltern von Felix vorbeibringen können. Aber eine persönliche Übergabe wäre natürlich viel schöner. Ich bleibe dran.

Mit dem Essen komme ich übrigens auch gut klar. Schon morgens gibt es die Gemüsepfanne, die ich mir sonst eigentlich erst am Mittag mache. Ich esse so gut wie keine Teigwaren, fast täglich Geflügel und Eier (ja, da denken die Kenianer, mir eine besondere Ehre zu erweisen…), viel Fisch und leider, leider, leider kein bisschen Süßes, keine Schokolade, nix. Na gut, am Freitag konnte ich an der Tankstelle einer Packung Kekse nich widerstehen, aber die haben wir im Auto zu viert gegessen. Obst gibt es meistens zum Nachtisch oder auch mal zum Frühstück, das ist dann Mango, Melone, Ananas. Auf jeden Fall kann ich meinen Gürtel bequem auf den letzten Loch schließen. Dennoch nervt der Bewegungsmangel. Viel Autofahren, Arbeit an Texten und Bildern – aber heute wollen wir mal auf den Menengai-Krater wandern.

Die politische Situation ist am Knistern. Gestern Abend im Fernsehen wurden die Wahlen mit keiner Silbe mehr erwähnt, das wirkt wie eine Nachrichtensperre. Noch an den Tagen zuvor wurde über Demonstrationen, Wahlkundgebungen und den ein oder anderen Gewaltexzess berichtet. Auf Facebook lese ich allerdings, dass heute mehrere große Wahlkundgebungen stattfinden, in Mombasa und auch in Nakuru. Noch hält sich in Kisumu, der Stresshochburg weit im Westen, alles knapp unter dem Niveau von Hamburg G20. Aber ich werde definitiv nicht in den Westen reisen. Bei Kericho (Teeregion) ist die selbstgesetzte Grenze, und auch das Hotel dort werde ich erst auf den letzten Drücker buchen. Von da will ich zurück Richtung Nakuru, dann in den Norden in die Kaffeeanbaugebiete. Dort gibt es kaum große Städte, vermutlich auch nicht die von mir gesuchten großen Betriebe. Aber da kann ich in bezaubernder Landschaft abwarten, bis sich die Gemüter beruhigt haben und mich meine beiden Begleiter mal kurz auf dem Flughafen in Nairobi, der weit außerhalb der Stadt liegt, absetzen können. Also keine Sorge, aber heute mal Spiegel Online lesen, eine recht dramatische Schilderung der Situation hier. Der Spiegel ist immer mal ein bisschen dramatisch. Gleichwohl, meine Freunde erzählen, heute hätte es in den Nachrichten geheißen, ein Verrückter sei in einer kleinen Stadt an der Küste in eine Polizeistation eingedrungen. In Wirklichkeit hätten jedoch 300 Leute die Polizeistation angegriffen und auch Polizisten umgebracht. Es bleibt spannend. Immerhin: meine Freunde sind politisch sehr interessiert und auch bestens informiert.

Auch interessant: bisher bin ich kein einziges Mal von irgendwelchen Polizisten oder sonstigen Kontrolleuren belästigt worden, hoffe, das bleibt so.