Tartu

Nun sind wir endlich mal ein Stück mit der richtigen estnischen Eisenbahn gefahren. Auch in den Schnellzug darf man ohne Fahrkarte einsteigen und ganz bequem und ohne Aufschlag an Bord bezahlen.

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Die Zugabteile sind modern und sauber, der Zug rattert ein wenig, aber es gibt keinen Grund zur Klage.

 

Das Fotografieren aus dem fahrenden Zug gelingt ob der geringen Geschwindigkeit nahezu verwacklungsfrei. Die Landschaft ist dünn besiedelt: Wiesen, Wälder, Sümpfe und ab und zu mal ein Dorf. Selbst Felder scheinen die Ausnahme zu sein.

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Aber der Zug fährt nur deshalb so langsam, weil die Gleise recht marode sind oder weil gerade eine der unzähligen Baustellen passiert wird. Die gesamte Strecke, alle Bahnhöfe und auch die kleinen Bahnsteige auf den Dörfern werden gerade mit EU-Mitteln saniert. Das ist gut und mutig, denn der Bus scheint in Estland klar zu dominieren. Das stellen wir zumindest fest, wenn wir mit Leuten vor Ort über unsere Reisepläne sprechen. Kein Wunder, in den Bussen gibt es sogar einen kostenlosen Internetzugang. Aber die Bahn ist sehr günstig und scheint ein wenig aufzuholen.

 

Die 185 km bis nach Tartu haben wir nach gut 2 Stunden geschafft. Dann zockeln wir vom Bahnhof mit unserem Gepäck zum Quartier in der Altstadt. Unsere Pension wird von Finnen bewirtschaftete und ist innen ganz im skandinavischen Stil eingerichtet. Sogar eine Sauna gibt es. Alles ist mit Werken verschiedener zeitgenössischer Künstler dekoriert, in unterschiedlicher Qualität.

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Die Stadt hat nach zahlreichen Zerstörungen in den unterschiedlichsten Zeitaltern (allein im Mittelalter ist sie 55 mal komplett abgebrannt) einige schöne klassizistische Bauwerke erhalten können. Darunter auch das Universitätshauptgebäude und das „schiefe Haus“.

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Die einzige gotische Kirche wurde erst vor wenigen Jahren wieder aufgebaut. Daneben – so könnte man meinen – Breschnjews letzte Rache.

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Es gibt eine Fußgängerzone, die sich wie eine große Entschuldigung durch die Altstadt zieht. Denn städteplanerisch ist der Ort nur zu bedauern: riesige Shoppingmalls, Büromonster und überdimensionierte Hotels neben Magistralen, auf denen die gerade einmal 100.000 Einwohner etwas verloren wirken.

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Einzig das „Schneckenturm“ oder auch „Korkenzieher“ genannte Hochhaus, vor etwa 5 Jahren gebaut, zeugt von planerischem Mut. Das Ufer des Emajogi – ein Fluss, von dem der geneigte Leser bestimmt schon viel gehört hat – wird gerade etwas aufgehübscht.

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Das Wetter ist regnerisch. Morgen geht es weiter nach Riga, wobei wir noch nicht so richtig wissen, wie es nach Valga, der letzten Eisenbahnstation vor der Grenze nach Lettland, weitergeht. Es gibt eine Eisenbahnlinie, die in Lettland weiter nach Riga führt, aber ob es eine Verbindung zwischen beiden Strecken gibt, werden wir vermutlich erst morgen erfahren.