Den Haag

Auf Reisen, die sich Urlaub nennen, und bei denen man dann doch das ein oder andere Telefonat entgegen nimmt, mehrmals täglich die Mails checkt, und froh ist, dass man endlich Zeit hat für diesen und jenen Text, den man schon lange mal in Ruhe schreiben wollte, fotografiere ich eigentlich nur noch analog. Wäre da nicht das Telefon, mit dem man dann doch ab und zu mal digital knipst, weil es so schön einfach geht.

Und dann ist ja auch noch dieser Blog hier, den man, wenn der Alltag wieder los geht, doch nicht mehr füttert. Also dann doch lieber einige Schnappschüsse.

Den Haag erreicht man von Berlin mit der Bahn in ca. 7 Stunden. Ein Auto braucht man in dieser Stadt nicht, denn kaum eine andere Stadt hat ein so perfektes Netz mit Straßenbahn, Bussen, Zügen und Booten.

Von Rädern und fantastischen Radwegekonzepten ganz zu schweigen. Den gesamten öffentlichen Nahverkehr – zugegeben im Vergleich zu Berlin nicht ganz billig – nutzt man mit einer einzigen elektronischen Karte, die übertragbar ist und die man an Automaten aufladen kann, die in sämtlichen Verkehrsmitteln gilt, egal ob Bus oder Intercity. Damit kommt man nicht nur vom Markt an den Strand (gleich mehrere Linien fahren quasi direkt in die Dünen),

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man kommt damit genau so gut nach und durch Rotterdam, Amsterdam und diverse andere Städte, denn die Karte gilt im ganzen Land. Das ist sozusagen die intelligente Version einer Bahncard 100 on demand.

Wir sind hier gelanded per Wohnungstausch (www.homeexchange.com) und residieren in einem wunderschönen Haus an der Gracht, voller Kunst und in Lauflage zu allem, was die Stadt sehenswert macht.

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Wenn man es nicht auf die größte Mondrian-Sammlung weltweit und die ca. 30 Rembrandts abgesehen hat, kann man stundenlang durch verkehrsberuhigte Gassen und Straßen schlendern und kleine Läden bestaunen, die die Invasion der Ketten überlebt haben.

Insgesamt haben wir von der Stadt den Eindruck, dass im Vergleich zu Deutschland öffentliche Güter mehr zählen als private. Das macht sich nicht nur am Nahverkehr bemerkbar, sondern auch am Stadtbild insgesamt. Es ist geradezu auffällig sauber. Schulen und öffentliche Gebäude sind in einem gepflegten Zustand, es gibt viele soziale Projekte, z.B. die Bäckerei um die Ecke, in deren Team einige Behinderte tätig sind. Es gibt kaum Bettler. Selbst am Bahnhof nicht, der mit Den Haag HS darüber hinaus ein bemerkenswertes Denkmal präsentiert, kaum durch einbauten verhunzt.

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Bemerkenswert auch die Architektur der Niederlande. Extra hingefahren sind wir zur Besichtigung der spektakulären neuen Rotterdamer Markthalle in Form eines Hufeisens, das sich, gefüllt mit Wohnungen, über den eigentlichen Markt spannt.

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Auffällig sind zahlreiche Hochhäuser, die zum Wohnen gebaut wurden und auch immer noch werden. Daneben gibt es aber auch eher traditionell angelegte Reihenhäuser mit zwei bis drei Geschossen. Warum beides zeitgleich gebaut wird haben wir nicht durchschaut. Keineswegs ist es aber so, dass Hochhäuser nur dem sozialen Wohnungsbau vorbehalten sind, denn sie wirken oft ausgesprochen edel.

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Ebenso unsicher sind wir bezüglich des multikulturellen Zusammenlebens. Unser Haus stand quasi auf der Grenze zwischen dem – gefühlt – chinesischen und arabischen Viertel.

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Ein drastisches Wohlstandsgefälle war da nicht zu sehen, die Leute wirken insgesamt sehr entspannt. Verwunderte Blicke gab es nur, als ich mit Simon einen Friseurladen betrat, in dem ausschließlich dunkelhäutige Menschen warteten und auch von solchen bedient wurden. Simon hatte die Idee, sich hier einen coolen Haarschnitt verpassen zu lassen, was den geradezu artistisch mit winizgen Klingen hantierenden Herren auch gelang. Danach wurden wir jedesmal durch die Fensterscheibe gegrüßt, wenn wir an dem Laden vorbeigingen. Gentlemen-Touch heißt das Lokal, in dem aber auch eine Frau bedient wurde.

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Was uns noch auffiel war eine irre Zahl von Second-Hand-Läden. Die Galerien für zeitgenössische Kunst bedienen überwiegend dekorative Ansprüche. Wir hatten jedenfalls nicht den Eindruck, dass da die niederländische Avantgarde vertreten ist.

Esssen kann man quer durch alle Kontinente. Und überall gibt es freies W-LAN.

Schwer beeindruckt waren wir von „Jazz an de Gracht“. Drei Abende lang spielten quasi direkt vor der Haustür Bands aus der ganzen Welt feinsten Jazz, und zwar auf Booten, mit denen sie dann von Station zu Station fuhren und das Publikum an jeweis wechselnden Orten unterhielten. Da waren irre Massen auf den Beinen und ich hatte als Jazz-Fan am offenen Fenster einen Logenplatz.

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Den letzten Abend unserer Reise verbrachten wir in einer Bar über den Dächern der Stadt. Ein Geheimtipp: für 6 € pro Person darf man in die 42. Etage eines Wolkenkratzers fahren. Dieser Eitritt wird auf die Drinks angerechnet. Dann sitz man in der Sky-lounge.

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Und hat bei gutem Wetter einen spektakulären Ausblick bis nach Rotterdam oder eben auf das abendliche Den Haag.

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Da sagen wir nur: Den Haag lohnt sich!